Hommes

Dieses Tonic Water kann sich kein Gourmet entgehen lassen

Auf einen Kaffee mit Hans Georg Hildebrandt, einem Texter, der ausgerechnet in der umkämpften Getränkebranche ein neues Auskommen als Unternehmer suchte. Und der nach vielen Stolpersteinen erfolgreich unterwegs ist.
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"Gents", das muss eine Abkürzung sein für "Gentlemen", dachte ich. Lag jedoch falsch, denn der Name bezieht sich auf den Gelben Enzian, lateinisch Gentiana Lutea, eine wichtige Ingredienz des Swiss Roots Tonic Waters. "Enzian ist eine traditionsreiche Heilpflanze", erzählt Hans Georg Hildebrandt, genannt HG. "Ich kam darauf, weil ich mein Schweizer Tonic Water mit einem Bitterstoff aus unseren Alpen anreichern wollte." Der frühere Chefredaktor der Designmagazine "Das ideale Heim" und "Atrium" kommt bei unserem Treffen sogleich auf den Punkt, sprudelt los und schmeckt seine Geschichte mit ordentlich Selbstironie ab.

Die Idee entstand während des runden Geburtstags seiner Lebenspartnerin Nina. HG organisierte die Bar – "nur Gin & Tonic, keine Cüpli. Das macht nur den Magen sauer." Am nächsten Tag, beim Aufräumen mit einem Freund, nahm die Idee Formen an. "Eine klassische Schnaps-Idee war das", resümiert der unterdessen geprüfte Start-up-Unternehmer. Er sei eifersüchtig gewesen auf die Kaffeemarke "Black & Blaze" seines Freundes Claude Stahel, einem umgestiegenen Fotografen; als Chefredaktor eines Magazins habe er unter der zunehmend eingeschränkten Entscheidungsfreiheit gelitten. 

"Es ging darum, für die damals neuen New Western Gins mit ihren subtilen Aromen ein diskretes, aber doch stützendes und erfrischendes Tonic zu kreieren." HG

Kein Wunder, das Leben der Journalisten heutzutage ist kein rosiges: Bereits seit zehn Jahren erleben die Redaktionen Budgetkürzungen und daraus resultierende Entlassungen. Niemand weiss, wer morgen seinen Job noch hat, die Stimmung am Arbeitsplatz ist dementsprechend oft unerfreulich; denn es müssen immer weniger Leute immer mehr Arbeit machen, und erwartet werden selbstverständlich immer noch bessere Leistungen. "Journalisten sollten in der Stadt leben können und auch älter werden dürfen, doch das funktioniert heute nicht mehr richtig", sinniert HG. Und als die Zeit für die Trennung von seinem früheren Verlag da war, investierte er vorerst alle Energie und etwas Startkapital von "FFF" (Friends, Fools, Family) in die Lancierung eines Tonic Waters, das im Gegensatz zu herkömmlichen Produkten vollmundiger und besser ausbalanciert sein soll – "es ging darum, für die damals neuen New Western Gins mit ihren subtilen Aromen ein diskretes, aber doch stützendes und erfrischendes Tonic zu kreieren." 

HG fing an, nach journalistischer Manier zu recherchieren und zu telefonieren, bis er Antworten hatte. Er verfügt über viele Kontakte zur Gastronomie, schliesslich schreibt er für diese Szene und ist selbst begeisterter Kulinariker: Er kocht täglich für seine Familie. Zuerst wollte er eigene Rezepturen aufbrühen, doch das stellte sich bald als Illusion heraus. Der Alltag des Getränke-Produzenten forderte viel und am Anfang lief auch einiges nicht rund. HG zeigte viel Einsatz, fuhr selber mit dem Lieferwagen nach Österreich, wohin er anfänglich den in Obermeilen hergestellten Grundstoff zum Aufmischen und Abfüllen brachte. Doch die Zusammenarbeit dort war ein Desaster: "Die Etiketten wurden so schlecht geklebt, dass wir die Hälfte der Ware wegwerfen konnten." Es musste sofort ein neuer Abfüller gefunden werden, am besten in der Schweiz. So kam HG zu einer Mosterei in Menziken. Die machten einen guten Job, erzählt er, doch der Betrieb wurde nach zwei Jahren eingestellt und das Problem musste von neuem gelöst werden. Einmal wurden die falschen Kartonschachteln geliefert, sodass HG in seiner Garage eigenhändig 20 000 Flaschen umpacken musste. "So kann jede noch so erfreuliche Bestellung zum Albtraum werden." Der Fünfzigjährige lacht. Doch das alles sollte sich lohnen, irgendwann. Vorerst aber schien das Leben als Unternehmer eher anstrengend zu sein. Zwar fand er auf Anhieb Abnehmer für sein Produkt, "das waren befreundete Gastronomen, denen habe ich es regelrecht aufgezwungen, die konnten gar nicht nein sagen". Ein Startgeld von 30 000 Franken war aber schnell aufgebraucht, auch galt es, bald neue Produkte zu lancieren und das ist teuer. "Wachstum kostet viel Geld, ich arbeitete und arbeite noch immer nebenbei im Corporate Publishing." 

"Wachstum kostet viel Geld, ich arbeitete und arbeite noch immer nebenbei im Corporate Publishing." HG

Neben der Suche nach einem neuen Abfüller fehlte die Zeit für den bürokratischen Teil des Unternehmerlebens. "2015 war ein sehr schwieriges Jahr mit buchhalterischen Problemen und neuen Produktlancierungen." Aber immerhin – 2016 folgte ein Jahr mit intensivem Wachstum um 80 Prozent. "Fast zu viel", wie HG sagt, "das war nicht wirklich nachhaltig. 2017 sollen es nur 20 Prozent sein." Insgesamt sind es nun vier erfrischende Produkte, perfekt auch zum Drinks kreieren. Ergänzend dazu der "Vermouth de Gents" und das nächste Produkt, ein Kaffeelikör, ist bereits in Planung. "Die Konkurrenz schläft nicht", weiss HG, es gelte, die Nase immer vorn zu haben. Zu den kleinen Abnehmern gesellen sich heute auch grosse, so Globus oder Denner. HG konzentriert sich auf den Schweizer Markt, doch hat er auch Partner in Deutschland, in Dänemark, Österreich oder Italien. In der Schweiz fühlt er sich verwurzelt und der Staat hat ihn positiv überrascht durch seine Unternehmerfreundlichkeit. "Die Gründung einer Bude ist überhaupt kein Problem hier. Ich kann mich nicht beschweren, wenn man bedenkt, wen man in Russland alles bestechen müsste ... " Die Verantwortung liege beim Unternehmer, die Schweiz gehe davon aus, dass man niemanden umbringen möchte. Selbstverständlich habe er eine Versicherung, falls jemand einen Scherben verschlucken sollte.

Wir sitzen im Ristorante Totò im Zürcher Seefeld. Ob er rückblickend wieder den selben Weg gehen würde, möchte ich noch wissen. HG zögert sichtlich mit der Antwort. "Im Moment bin ich zufrieden, aber es war insgesamt alles viel schwieriger, als ich es mir vorgestellt habe und wer weiss schon, was morgen kommt?" Er blickt hastig auf die Uhr, trinkt den letzten Schluck Kaffee, verabschiedet sich und eilt aus der Tür, denn abends präsentiert er in Basel seine Produkte im "Conto 4056", einer neuen Bar, in der ausschliesslich Gents ausgeschenkt wird. 

www.gents.ch

 

Image Credits: ZVG

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