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Weinen tut gut

Lesen Sie hier weshalb.
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Weinen besitzt nicht unbedingt den besten Ruf. Sich emotional zu zeigen, wird schnell mit Schwäche und Kontrollverlust assoziiert. Es überrascht also nicht, dass die Gesellschaft den Männern ein Wein-Verbot auferlegt hat. Diese Scham vor einem Gefühlsausbruch ist (leider) noch heute deutlich spürbar. Dies, obwohl Studien nur sehr geringe Unterschiede im Weinverhalten der beiden Geschlechter bis zum Alter von elf bis zwölf Jahren aufweisen.

 

Eine Studie aus dem Jahr 2001 zeigt, dass nur 23 % der Männer in den USA von sich sagen, aus Verzweiflung zu weinen. Im Gegensatz dazu kennen dies 58 % der Frauen. Das alles hat mit dem sozialen Konstrukt zu tun, welches über Jahre aufgebaut und weitergeführt wurde. Lässt man die zwischenmenschliche Ebene einmal aussen vor und betrachtet die Thematik von der biologischen Seite, ist Weinen vor allem eines: ein kurioses Phänomen. Warum tun wir das überhaupt?

 

Es gibt verschiedene Arten von Tränen, die aus unterschiedlichen Gründen entstehen. Basal- und Reflextränen sind die einfach gestrickten - die ersten bestehen aus einem Sekret, dass proteinreiche Flüssigkeit enthält und als antibakterielle Substanz dient. Durch konstante Absonderung halten sie die Augen feucht. Bei jedem Blinzeln bekommen Sie eine Portion davon ab. 

 

Reflextränen dienen zum Schutz vor Reizstoffen wie Rauch, Staub, Zwiebeln, etc. Sie reinigen das Auge von diesen potentiell schädlichen Stoffen und spülen sie dann aus. Sie bestehen aus 98 % Wasser.

Nun kommen wir zum spannenden Teil. 

 

Emotionale Tränen sind symptomatisch für eine Reihe von Gefühlen, von Glück bis zu Traurigkeit. Wissenschaftler glauben weithin, dass die Menschen die einzige Spezies sind, die emotional weinen kann. Einige Zoologen berichten jedoch von Erfahrungen, in denen Tiere wie Elefanten geweint haben, nachdem sie aus missbräuchlicher Haltung befreit wurden. Bezüglich des Menschens haben Studien eine neuronale Verbindung nachgewiesen, die den Tränenkanal mit jenem Bereich des Gehirns verbindet, in dem auch Emotionen entstehen. Es ist eine der wenigen Möglichkeiten, wie sich ein Gefühl physisch zeigen kann, und Sie sollten dankbar dafür sein.

 

 

Laut einer Studie aus dem Jahr 2014 hat Weinen eine beruhigende Wirkung. Es aktiviert unser parasympathisches Nervensystem (PNS), das nach anstrengenden Aktivitäten zur Erholung des Körpers beiträgt. Zudem wirkt Weinen ein wenig wie eine Droge, da es Endorphine freisetzt. Diese Hormone werden vom Gehirn und dem Nervensystem abgesondert, um uns zu helfen, den Schmerz zu blockieren und bestimmte Emotionen zu kontrollieren.

 

Der Effekt kann sowohl unmittelbar als auch längerfristig sein; eine Studie in den Niederlanden fand heraus, dass sich die Gefühlslage von Menschen, die während eines traurigen Films weinen, sich 20 Minuten nach dem Ende von Niedergeschlagenheit in Neutralität wandelt. Ganz 90 Minuten später, fühlen sie sich besser als vor dem Film. Kein Wunder, dass wir uns gerne Filme ansehen, die auf die Tränendrüse drücken.

Wie bei jedem anderen exokrinen Prozess (heisst:  der Körper wird Dinge los, die er nicht haben will), wie Ausatmen, Schwitzen, Urinieren usw., hilft das Weinen dabei, giftige Substanzen loszuwerden. Stress-Tränen, eine Kategorie von emotionalen Tränen, helfen, den Körper von Chemikalien zu befreien, die das Stresshormon Cortisol erhöhen können. Sie setzen auch Prolaktin, Leu-Enkephalin, Magnesium, Kalium und mehr frei. Ausserdem enthalten sie Lysozym, das 90-95 % der Bakterien abtöten kann.

 

Laut einer Studie aus dem Jahr 2011 könnte dieses Enzym "auf bestimmte Lebensmittel zum Schutz gegen absichtliche Kontamination mit Milzbrand angewendet werden." Fazit: starkes Zeug, unsere Tränen.

 

Nicht zuletzt sind Tränen eine nonverbale Art der Kommunikation, die unbewusst altruistisches Verhalten in anderen auszulösen kann. Auf diese nonverbale Art können wir Schmerzen zeigen, die von unseren Mitmenschen geteilt und damit auch gelindert werden können. Der Mensch ist ein soziales Wesen und es ist nicht allzu überraschend, dass unsere Körper Wege entwickelt haben, sich gegenseitig um Hilfe zu bitten, ohne dass wir ihnen notwendigerweise die Erlaubnis dazu geben.

 

Wenn Sie das nächste Mal am Arbeitsplatz oder in den (geplant harmonischen) Ferien mit Freunden oder Familie - oder wo auch immer Sie sich das nächste Mal miserabel fühlen - gerne die Tränen zurückhalten wollen, versuchen Sie Ihren Gefühlen Raum zu lassen, um sich anderen gegenüber mitteilen zu können. Oder suchen Sie sich zumindest eine ruhige Ecke, um alles heraus zu schluchzen. Sie werden es bestimmt nicht bereuen.

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