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Tiffany's Verlobter

Anlass war die Neueröffnung des Tiffany Stores an der Zürcher Bahnhofstrasse und genau dort durfte ich den Vice President und General Manager von Tiffany & Co, eines der traditionsreichsten Häuser der Welt, während 30 Minuten sprechen. Nicola Andreatta ist eine begeisterte Persönlichkeit und ein routinierter Interviewpartner –der Italo-Schweizer strotzt vor Kompetenz und gibt sich dennoch entwaffnend bescheiden.
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Tiffany spricht alle an.
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L’OFFICIEL Schweiz: Tiffany hat soeben den Zürcher Store wiedereröffnet – was hat sich verändert?

Nicola Andreatta: Ich habe die Boutique heute zum ersten Mal gesehen. Sie entspricht absolut dem neuen Erscheinungsbild von Tiffany. Wir setzen die neuen Materialen auf eine sehr elegante Weise ein, die gleichzeitig aber gemütlich wirken. Der Unterschied ist – verglichen mit den Stores der Konkurrenten, wo man sich zuweilen überwältigt fühlt – dass man sich bei uns zu Hause fühlt. Der Ort ist einem vertraut vom ersten Tag an.

 

Gab es bestimmte Veränderungen aufgrund des Uhren-Relaunches 2013?

Ein Grund für die Neugestaltung dieser Filiale war die Tatsache, dass sie seit 23 Jahren nicht mehr renoviert wurde. Von Zeit zu Zeit müssen alle Geschäfte weltweit renoviert werden. Aber es geht auch um aufkommende Sparten, und Uhren gehören zu den wichtigsten. Also mussten wir mehr Platz schaffen. Einer wachsenden Sparte geben wir ganz klar mehr Gewicht und zum ersten Mal seit vielen Jahren sprechen wir Männer an, was eine andere Geschichte ist. Im Gegensatz zu den Anfangszeiten ist die Marke heute sehr feminin besetzt. Wenn Sie Männer ansprechen wollen, muss selbst das Feeling ein wenig anders daher kommen. Wenn es der Platz erlaubt, schaffen wir einen speziellen Uhren-Salon wie in Genf. Wir dekorieren anders, damit sich Männer wohl fühlen. Für sie ist es vermutlich besser, nicht zu viel von diesem «Bling-Bling» um sich zu haben.

 

Ich verstehe …

Dazu gibt es eine lustige Geschichte: Am Anfang, bevor ich dabei war, wurden die Uhren anscheinend genau gegenüber der Braut platziert. Doch normalerweise drehen sich die Männer um, während die Damen die wichtigen Ringe auswählen. Also haben wir entschieden, die Uhren in den Fokus der Männer zu stellen.

 

Wollen Männer Tiffany-Uhren kaufen? Die harten Jungs wollen doch lieber eine männlichere Marke.

Nicht unbedingt. Tiffany spricht alle an.

In New York ist Tiffany auch eine Touristenattraktion, Sie verkaufen dort zum Beispiel weniger teure Ringe.

Tiffany als Luxusmarke schliesst viel mehr Menschen ein als die meisten unserer Konkurrenten, die sehr exklusiv sind. Das Schöne daran ist, dass wir «demokratischen» Luxus anbieten. Wenn Sie unseren Flagship-Store in New York betreten, sehen Sie alle möglichen Leute, nicht nur die Reichsten dieser Welt. Tiffany ist das Haus der Liebe, das Haus der Romantik und das Haus, wo man wunderschöne Dinge und Objekte findet. Da gibt es kein Preisschild.

 

Wie hoch ist der durchschnittliche Umsatz der Uhren im Gegensatz zum Schmuck in Ihrem New Yorker Store?

Wir sprechen hier nicht von Zahlen, wir sind börsennotiert. Aber unser Ziel ist es, zehn Prozent des Umsatzes innert zehn Jahren mit Uhren zu erreichen. Ich denke, das ist eine sehr sportliche Zielvorgabe, denn das bedeutet, unter den 50 internationalen Top-Uhrenmarken zu sein.

 

Haben Sie dieselbe Produkteauswahl in den USA wie in Europa?

Wir haben drei Hauptsäulen und bleiben so ziemlich bei diesem Angebot. Dies ist folgerichtig und wichtig, denn es ist ein Teil unserer DNA und wird es immer sein. Was die Uhren betrifft, versuchen wir diese Sparte wieder zu etablieren. Wir streben nach der Kredibilität, die wir vor 179 Jahren hatten. Ich war da noch nicht dabei …, aber wir waren damals ein sehr glaubwürdiger Akteur.

Ich würde sagen, 90 Prozent des Angebots ist auf der ganzen Welt gleich. Wir haben verschiedene Ladenkonzepte: Einige haben kleinere Kollektionen je nach Grösse des Geschäfts. Hinzu kommen die Spezialitäten für besondere Märkte, Geschmäcker sind eben verschieden. Wir sind eine globale Marke, also müssen wir uns den verschiedenen Märkten anpassen.

Die ersten Tiffany-Uhren wurden 1876 in Genf hergestellt. Wie wichtig ist dieses Erbe für das Design von heute?

Wenn man bedenkt, dass Lewis Tiffany von den USA nach Genf gezogen ist – was für eine Reise muss das damals gewesen sein! Er kam nach Genf, um die grösste Fabrik ihrer Art in Mitten der Stadt Genf zu leiten. Sie war eine echte Manufaktur und wurde 1981 an Patek Philippe verkauft. Was das Erbe betrifft, wollten wir uns nicht um den Retro-Look bemühen, sondern viel mehr auf unsere DNA aus der Vergangenheit beziehen. Also beschlossen wir, die alten Uhren zu nehmen, die ein Teil unserer Geschichte waren, als Inspiration, um etwas Neues zu schaffen, was die Zukunft formen würde. Wir suchten nach dieser Design-Sensibilität, die uns radikal von den anderen unterscheidet. Wir sind gleichzeitig New York und Swiss made – wir sind eine Marke, die in New York geboren wurde und zu 100 Prozent in der Schweiz hergestellt wird.

 

Demzufolge ist das neue Swiss-made-Gesetz, das besagt, dass 60 Prozent in der Schweiz produziert werden muss, für Sie kein Problem?

Nein. Als wir das Gesetz auf uns zukommen sahen, haben wir strategisch entschieden, alles in der Schweiz zu produzieren.

 

Die Uhrmacherei ist Teil Ihrer Identität: Sie stammen aus einer Uhrmacher-Familie. Wenn Sie noch einmal wählen könnten, würden Sie lieber etwas anderes machen?

Wir waren Uhrenmacher, wir hatten Fabriken im Tessin und auch in Italien. Mein Vater ist Italiener und meine Mutter Schweizerin. Ich habe diese Doppel-DNA, was manchmal schwierig ist, aber ich mag dennoch einige Aspekte davon. Mein Vater hatte gehofft, dass ich etwas anderes machen würde. Aber ich mochte die Finanzwelt nicht, sie ist mir zu künstlich. Das Gute an meinem Lebenslauf ist, dass ich Unternehmenskenntnisse habe, da ich zuerst Betriebswirtschaft studiert und später einen Master in Finanzwissenschaften gemacht habe. Gleichzeitig weiss ich sehr viel über Uhren, weil ich als Kind in den Fabriken war und zugeschaute, wie sie gemacht wurden. Ich kenne also ziemlich genau jede einzelne Funktion in meiner Firma: Ich kann der Produktion folgen, ich verstehe das Design... Und die Tatsache, dass ich Unternehmer war – ich hatte meinen eigenen Brand – hilft mir sehr. Bei uns herrscht ein äusserst unternehmerischer Geist, obwohl ich die Sicherheit von Tiffany im Rücken habe.

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