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Die schöne Seele des Cuixmala

Es ist das geheime Refugium der Hollywoodstars, eines der schönsten Grandhotels der Welt, ein goldener Palast inmitten eines Naturschutzgebietes an der mexikanischen Pazifikküste – und noch viel mehr: der ganz private, wahr gewordene Traum des Milliardärs und Visionärs Jimmy Goldsmith.
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Die gewundene, geheimnisvolle Strasse, die von Puerto Vallarta zum Cuixmala führt, durchquert dichten Dschungel, und ganz schnell erwecken die mäandernden Kurven den Eindruck, man würde sich in eine andere Dimension begeben, in ein Labyrinth. Dunkelheit hüllt die Landschaft ein, und alles deutet bereits darauf hin, dass man hier loslassen und sich von der tropischen Hitze davontragen lassen kann. Wenn dann das Tor des hoteleigenen Grundstücks erreicht ist, wird noch eine weitere Strasse sichtbar. Der Mond bricht durch die Schatten der nächtlichen Palmen, scheue Jaguare gehen auf die Pirsch, und in der Ferne erscheint eine riesige, gelbgold und blau gestreifte Kuppel. Dieses Wow-Erlebnis bei der Ankunft nutzt sich auch mit der Zeit nicht ab. Die Besucher, Gastgeber und Stammgäste des Hotels legen alle das gleiche kindliche Staunen an den Tag, das einen angesichts dieser Landschaften immer wieder aufs Neue ergreift. Ein Juwel an der Costalegre: Im Cuixmala, dessen Name so viel bedeutet wie «wo die Seele ausruht», treffen das überwältigende Schauspiel des Pazifiks und der exotische Reiz eines Naturschutzgebietes mit Zebras, Jaguaren, Krokodilen und Antilopen auf die üppig grünenden Dachgärten, die Architektur und die Interieurs des Hauses selbst. Der Gedanke an Xanadu, das legendäre Anwesen des Pressemagnaten aus «Citizen Kane», drängt sich geradezu auf. Doch dessen düsteren Stil sucht man vergebens. Die runden Formen des ocker getönten Palais, auch bekannt als La Loma, sowie die vielen mehr oder weniger nah am Strand gelegenen Bungalows und benachbarten Villen hat der französische Architekt Robert Couturier 1987 im Auftrag von Sir Goldsmith entworfen. Zwei Jahre lang bauten Tausende von Arbeitern auf diesem unberührten Land einen gigantischen Komplex. 

Seine Silhouette ist der mexikanischen Architektur ebenso wie der indischen, mediterranen, türkischen und marokkanischen Kultur entlehnt, allesamt Länder, die der französisch-englische Milliardär einst bereist (und liebgewonnen) hat. Couturier zeichnet auch verantwortlich für die Renovierung der eindrucksvollen Hacienda de San Antonio, eines Schwesterhotels des Cuixmala, das etwa hundert Kilometer weiter in den Bergen am Fuss eines noch aktiven Vulkans gelegen ist. Sir James Goldsmith hatte diese im 19. Jahrhundert gegründete, ehemalige Kaffeeplantage Ende der Achtzigerjahre erworben. Bei der Neugestaltung des Anwesens erhielt er Unterstützung von seiner Tochter Alix Marcaccini, unter deren Aufsicht die Inneneinrichtung in einem farbenfrohen, von traditionellen Haciendas inspirierten Stil entstand.

Sie erinnert sich: «Ich habe viele alte mexikanische Häuser besichtigt, um mich inspirieren zu lassen. Die oft weit gereisten Eigentümer brachten sich Möbel und Kunstwerke aus China und dem Orient mit. Für die Hacienda habe ich auf indischen Basaren mit Tiermotiven bestickte Seide gefunden, andere Stoffe in Guatemala und natürlich Mexiko. Dazu Keramik, für die ich eine Leidenschaft habe, und in Marokko grosse Spiegel für das Cuixmala. Mein Vater war intensiv beteiligt und mit viel Motivation dabei. Ich erinnere mich, wie er mit Kreide den Pool der Hacienda auf dem Boden markierte. Den orangen Farbton an den Mauern des Cuixmala und das dunkle Rosé der Hacienda hat er persönlich ausgewählt.» 

Eine private Utopie
Ursprünglich dienten die beiden Anwesen dem ruhelosen Geschäftsmann James Goldsmith als Erholungs- und Versammlungsorte. Er hatte kein festes Büro – um keine Zeit zu verlieren und besser nachdenken zu können. Alix erinnert sich: «Er wollte einen Ort, an dem er die ganze Familie bequem in separaten Häusern um sich sammeln konnte. Er hatte nämlich mehrere Ehen hinter sich! Das Haupthaus war seine Domäne, und das Nebengebäude La Playa gehörte meiner Mutter.» Der Bau dieser Häuser war eindeutig ein Projekt, das ihm am Herzen lag. Sein Einfluss ist in vielen luxuriösen, aber auch praktischen Details erkennbar, die seine Vision von einem friedvollen Garten Eden widerspiegeln, etwas Überwältigendes und Grossartiges. Wie sein Leben.
Seit dem 16. Jahrhundert stand die Handelsbank der ursprünglich aus Deutschland stammenden Familie Goldsmith in Konkurrenz zu den Rothschilds. Obwohl das Vermögen immens war, verschwendeten zunächst der Grossvater, dann der mit einer Französin verheiratete Vater von James mit ihrem fürstlichen Lebensstil einen grossen Teil des Familienerbes. James Goldsmith startete daher praktisch bei null, aber mit umso mehr Courage, als er 1949 mit 16 Jahren eine grössere Summe bei einem Pferderennen gewann und das Eton College verliess, um sich ein Imperium aufzubauen, zunächst in der Pharmaindustrie, dann der Agrarwirtschaft. Letztendlich war er ein Finanzgenie, das kaum Rückschläge, dafür aber viele Erfolge verbuchen konnte.

Auch in seinem Privatleben gibt es so manche Wendung. In sehr jungen Jahren ehelicht er die 18-jährige bolivianische Erbin Doña María Isabel Patiño y Borbón in einer spontanen Zeremonie in Schottland, wohin das Liebespaar sich geflüchtet hatte. Tragischerweise stirbt sie kurze Zeit darauf bei der Geburt ihrer Tochter Isabelle, die heute als Kunstsammlerin und Eigentümerin des mexikanischen Hotels Las Alamandas bekannt ist. Aus seiner zweiten Ehe mit der Französin Ginette Léry gehen zwei Kinder hervor: der Sohn Manes, dem in Mexiko einige Fussballclubs gehören, sowie Alix, heute Eigentümerin des Cuixmala und der Hacienda de San Antonio. In dritter Ehe heiratet er 1978 seine Geliebte, die äusserst mondäne Engländerin Annabelle Birley (der berühmte Club Annabel’s in London ist nach ihr benannt), mit der er bereits die Kinder Jemima (Khan) und Zachary hat.

Ein weiterer Sohn, Ben, folgt später. Mit seiner letzten Lebensgefährtin Laure Boulay de La Meurthe, einer Nichte des Grafen von Paris, hat er zwei weitere Kinder. Dreimal verheiratet, acht Kinder von vier verschiedenen Frauen mit ausgeprägtem Temperament: Der charmante, humorvolle Sir Jimmy Goldsmith hat sich nie um Konventionen geschert und versammelt weiterhin, so oft er nur kann, all diese Menschen um sich, all die Frauen, die er liebt. Mit seinem weitläufigen, an eine Galaxie erinnernden Lageplan und La Loma als Fixstern schützt das Cuixmala die Privatsphäre aller Gäste und illustriert einen weiteren Charakterzug von Goldsmith: als herausragender Gastgeber, der immer alles im Griff hat, ein Sonnenkönig umgeben von seiner Familie, Verwandten und Freunden.
Heute geniessen die grössten Stars dieses paradiesische Refugium, weniger als drei Flugstunden von Los Angeles entfernt, um sich vor neugierigen Augen zu verstecken. Zu den Gästen gehören Mick Jagger, Tom Cruise, George Lucas, Madonna, Cara Delevingne, Gwyneth Paltrow, Ralph Lauren, Mark Ronson und auch das Supermodel Emily Ratajkowski, die sich vor ein paar Monaten von diesem Paradies verzaubern liess. Auf ihrem Instagram sind zum Beispiel Bilder des Strands von Caleta Blanca zu sehen, einer kleinen, geradezu unwirklich blauen Lagune, wo einem unter den Palmen Schwärme weisser Schmetterlinge und im kristallklaren Wasser kleine tropische Fische entgegenkommen. Für Alix spielt sich der wunderbarste Moment in der Hacienda während der Regensaison ab: «Ich liebe es, wenn im August morgens die Wolken ganz, ganz tief über den Bergen hängen. Plötzlich bricht der Regen los, Blitze zucken über die Prärielandschaft, bevor die Sonne wieder zum Vorschein kommt. Wunderschön! Im Cuixmala gibt es ja auch so viele Ecken, die ich liebe, aber meine liebste ist und bleibt der Gemüsegarten ...»

Zukunftsweisendes Grün
Die Natur hat beim Bau immer die Hauptrolle gespielt. Gleich zu Beginn 1987 gründete Sir Goldsmith die Cuixmala Ecological Foundation, um das 10 000 Hektaren (100 km2) grosse Naturschutzgebiet abzusichern, das ein wesentlicher Bestandteil der Biosphäre von Chamela-Cuixmala ist. Ziel ist, das Ökosystem der Region mit seiner einheimischen Flora und Fauna zu schützen, darunter Vögel, Krokodile, Hirsche, Damhirsche, Wildschweine, Jaguare, Leguane und mehr, denn diese werden zunehmend vom Menschen und durch Umweltverschmutzung bedroht. Zusätzlich zu diesem Naturschutzgebiet hatte Goldsmith vor, eine vollständig biologische Landwirtschaft einzuführen, wie Alix erklärt: «Er hatte einen bestimmten Traum: einen Ort zu finden, wo das Wasser und die Erde sauber waren und er eine neue Art der Landwirtschaft einführen konnte. Da er die negativen Entwicklungen in der Agrarindustrie gesehen hatte, war er besessen davon, dass wir besonders gesunde, organische Nahrungsmittel haben.» Darin ähnelt sein Standpunkt den radikalen Gedanken seines Bruders Edward, eines Umweltschutzpioniers und des Gründers der Zeitschrift «The Ecologist». Alix kann das bestätigen: «Mein Onkel hatte einen enormen Einfluss auf meinen Vater, und beide beeinflussen uns noch heute. Edward war seiner Zeit dreissig, vierzig Jahre voraus, als er 1972 mit fünf anderen Wissenschaftlern ‹A Blueprint for Survival› über die Dringlichkeit von Umweltfragen veröffentlichte. Das wirkte damals verrückt. Heute ist es Realität.» Die Biofarm des Cuixmala produziert tropische Früchte, die der Hacienda Gemüse, Kräuter, Kaffee und Honig, und die Fische kommen aus dem Ozean. Die leckeren Bio-Lebensmittel werden also praktisch alle vor Ort produziert und dann mit kleinen, leuchtend bunten Flugzeugen zwischen den beiden Plantagen ausgetauscht. Es zeugt auch von Perfektionismus, dass ein kleines Labor natürliche Essenzen aus dem Kräutergarten produziert, die Beschäftigten der Käserei standesgemäss von französischen Fachleuten ausgebildet werden und dass der Kaffee vor Ort angebaut und geröstet wird. Alix und Lalo, der Leiter des Agrarbetriebs von Cuixmala, haben vor sechs Jahren eine weitere Form des ökologischen Landbaus eingeführt: «Mein grösster Stolz», erklärt Alix, «ist der biodynamische Landbau (diese Methode richtet sich nach dem Mond- und Planetenkalender und zielt auf die Verbesserung der Böden, Anm. d. Red.). Mit Lalo zusammen haben wir zunächst an der Universität von Colima Vorlesungen zu dieser vom Philosophen Rudolf Steiner erdachten Methode belegt. Dann kamen zwei Professoren, um alle anderen in Cuixmala weiterzubilden, wobei diese Fortbildungen nach wie vor regelmässig stattfinden.» Seither hätten sich der Ertrag und die Grösse der Früchte verdoppelt, erklärt Lalo, ein aussergewöhnlicher Mann mit einem natürlichen Gespür für Früchte und Pflanzen. Dieses Engagement für die Umwelt fällt im Cuixmala vom ersten Moment an ins Auge: In den Zimmern ist nicht ein Stück Plastik zu sehen, nicht ein chemisches Produkt. Stattdessen Beauty-Produkte in kleinen Glasbehältern, die vor Ort mit natürlichen Essenzen hergestellt wurden, dazu frische Kräutertees und handgefertigte Seifen. Der spektakuläre, am Strand gelegene Pool unter der pyramidenartigen Treppe des La Loma wird jeden Tag mit Meerwasser gefüllt. All diese Details zeugen nicht nur von Engagement, sondern auch von Luxus, sind Zeichen intelligenter Lebenskunst und Alix zufolge Ausdruck «einer Lebensphilosophie, einer Utopie, einer kollektiven Energie, die im Alltag umgesetzt wird». Doch die Herausforderungen sind manchmal riesengross. Am 23. Oktober 2015 bewegt sich das Auge des Tropensturms Patricia, eines Zyklons der Kategorie 5 mit Windgeschwindigkeit von 340 km/h, direkt auf Cuixmala zu. Der Sturm hat die Landschaft radikal verändert, da er manche Bäume zerstörte und andere verschonte. Paradoxerweise entstanden daraus neue, ebenso schöne Orte. Im Cuixmala ist das Paradox vollkommen: Diese ultraluxuriösen Villen mit perfektem Service, in denen alles makellos ist, stehen inmitten einer übermächtigen, beinahe wilden natürlichen Umgebung. Scheue Katzen – Jaguar, Puma und Ozelot – haben sie sich zum Revier erwählt.

Lederschildkröten, eine gefährdete Art, kommen von September bis Dezember zur Eiablage und hinterlassen grosse Abdrücke auf dem Strand. Ihre Eier werden von speziell ausgebildeten Wildhütern eingesammelt und in einer Schutzstation am Strand vor Raubtieren in Sicherheit gebracht. Wenn der Moment gekommen ist, werden die Babyschildkröten in der Dämmerung freigelassen, damit sie nicht von den Raubtieren gefressen werden. Sie schwimmen allein in den Ozean hinaus und behalten diesen Ort in Erinnerung, an den sie in einigen Jahren zurückkehren werden, um selbst Eier zu legen. Diesen Hunderten von kleinen Schildkröten aus dem Sand zu helfen, bleibt einem seltsam im Gedächtnis haften, ein bewegender und mystischer Akt.

Kosmogonie
An der Pazifikküste, am Rand des tropischen Dschungels oder am Fuss des Vulkans machen sich die Elemente mit aller Macht bemerkbar. Der Ozean grollt, der Donner lässt die Erde erbeben, der Vulkan stösst Rauch aus, der Regen rieselt, dann spendet wieder die Sonne milde Wärme. Da liegt es nahe, in die mystisch-fantastischen Vorstellungswelten Mexikos einzutauchen. Gaia und Lea Marcaccini, die beiden ältesten Töchter von Alix (siehe unsere Serie auf Seite 116), haben sich ebenfalls von dieser Kultur beeinflussen lassen. Bei Gaia drückt sich dies in mythologisch und kosmisch inspirierten Animationsfilmen aus, bei Lea in psychedelischen Gemälden und Collagen. Beide sind in dieser idealtypischen, wilden Umgebung aufgewachsen, mit Ausritten entlang der wilden Strände von Cuixmala und den traditionellen Bauernhöfen am Fuss des Vulkans. Dort fliesst über einen uralten Aquädukt frisches Wasser durch die Hacienda, der hundertjährige Feigenbaum im Innenhof könnte der Baum des Lebens sein, und der heilige Antonius schützt das Gebiet seit zweihundert Jahren vor den Ausbrüchen des Volcán de Fuego. Die Skelette des Día de muertos sind hier und da auf Keramiken zu entdecken, riesige Papageiengemälde des Künstlers José Parra zieren die Wände. Grosse Quarzsteine schenken dem Ganzen ihre Schönheit und Energie. Die anmutigen Spiegel, die Alix in der Nähe der Türen angebracht hat, sorgen schliesslich für den symbolischen Schutz der Gebäude. Trotz seines ausgeprägten Rationalismus war auch ihr Vater in manchen Dingen abergläubisch: Er klopfte auf Holz, mied bestimmte Orte und hatte immer ein, zwei Glücksbringer bei sich. Comala, die benachbarte Kleinstadt mit ihren traditionellen weissen Gebäuden, ist selbst Schauplatz eines der schönsten Romane der lateinamerikanischen Literatur, eines Vorläufers des magischen Realismus: «Pedro Páramo». Dieser Roman von Juan Rulfo aus dem Jahr 1955 beeinflusste Jorge Luis Borges, Gabriel García Márquez und Tahar Ben Jelloun, der das Buch magisch wie ein Amulett empfindet. Die Geschichte handelt davon, wie ein junger Mann bei einem Besuch auf den Geist seines Vaters und die Schatten der Vergangenheit trifft. Der Geist, der das Cuixmala und die Hacienda durchweht, ist der von James Goldsmith und seinem Traum von einem geschützten Paradies – und lebendiger denn je. Ein Glücksfall.

Image Credits:
ZVG
MICHAEL GILBREATH
DAVIS GERBER
DELPHINE VALLOIRE 

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