Pop Culture

Marcel Proust, in bed with Instagram

Wer schon mal auf Instagram war, weiss, dass die Plattform eine grossartige Inspirationsquelle ist und die Zeit dabei im Fluge vergeht.Ob «Bathroom Selfie» oder Claude Monet, alle Wünsche werden abgedeckt. 
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Erstaunlicherweise habe ich erst durch die Lektüre von Marcel Prousts Text «Tage des Lesens» meine Faszination für Instagram verstanden. Da wir mit dieser Ausgabe die Grenzen zwischen digital und Print verwischen wollen, versuche ich eine Verbindung zwischen dem grossen Autor und der für Modefans beliebtesten Social Media Plattform herzustellen.

Das Leben der anderen – oder was sie davon zeigen wollen – übt eine grosse Faszination auf die Betrachter aus. Wir sind beinahe live dabei, wenn eine junge Frau in Brooklin Torten in Rosenform bäckt, wir können in Tehran hinter geheime Türen blicken und in Tanger prächtigen Fes- ten beiwohnen oder im Hinterland von Devonshire Hetzjagden beobachten. Gigi Hadid, unsere Ex-Partner, die Freunde der Freunde unserer Freunde – sie alle breiten vor uns ihre Intimitäten aus und erzeugen so ein Abbild der Menschheit, in dem Erhabenheit und Dekadenz nahe beieinander liegen.

Das ist natürlich voyeuristisch. Instagram ist die Plattform des Glamours, des leichten Lebens, der Avocado-Toasts und der «Bathroom Selfies», Krieg und Leid tauchen dort äusserst selten auf. Doch weshalb übt die Plattform eine solche Anziehung aus? Wir können kostenlos in geheime Winkel der Erde und besonders auch der menschlichen Psyche blicken. Auf Instagram entdecken wir die Fantasien der Menschen und wie sie sein möchten oder sein sollten.

Die glücklichen Momente werden nicht mehr in einem Tagebuch festge- halten, sondern digital. Worin besteht jedoch der Unterschied zum guten alten Tagebuch? In allem und nichts. In nichts, da die Selbstdarstellung auf Instagram höchst intim ist. Obwohl nur ein kleiner, geschönter Teil der Realität gezeigt wird, offenbart sich dahinter jedoch etwas Tiefgründigeres, das von der Künstlichkeit nicht verdeckt werden kann. In den Fragmenten seines Tagebuchs schrieb der Genfer Henri-Frédéric Amiel 1884, dass man sich eher von der Illusion als von der Wahrheit leiten lasse.

Was sich hingegen gegenüber dem Tagebuch total verändert hat, ist, das Persönliche öffentlich zu machen und theoretisch der ganzen Welt Dinge zu zeigen, die im Grunde nur die eigene Per- son betreffen. Mich überrascht immer wieder, mit welcher Bereitwilligkeit die Medienstars dieses Spiel mitspielen. Vielleicht weil sie entdeckt haben, dass sie sich auf diesem Wege direkt Gehör verschaffen können. Vielleicht auch, 

weil sie eine Möglichkeit sehen, wie sie ihr Ego verbreiten und ihre Wichtigkeit durch die Anzahl der Follower beweisen können. Abgesehen von einigen einsamen Seelen, die durch ihre Nichtpräsenz auf Instagram ein Zeichen setzen wollen (Phoebe Philo, Sofia Coppola), präsentiert sich die ganze Modewelt mit überraschendem Willen und Eifer. Früher musste man die «Gala» kaufen, um zu wissen, wo die Stars ihre Ferien verbrachten und die Stars verklagten das Magazin daraufhin, weil es diese Infor- mation verbreitet hatte. Heute zeigen sie uns ihre Neuigkeiten gleich selber auf ihrem Instagram-Konto und oft mit weit mehr Details.

Viele User verwenden Instagram vor allem als Arbeitsinstrument und als eine Möglichkeit, ihre Werke und Publikatio- nen bekannt zu machen. Dafür braucht es jedoch nicht Instagram, da wir diese Dinge bereits in Magazinen, Museen, Galerien und Webseiten finden. Die Leute interessiert vielmehr das Drumherum, die Entstehungsgeschichte oder ein Blick hinter die Kulissen. Sie wollen sehen, wie diese oder jene Person lebt und freuen sich, an den alltäglichen Freuden und Leiden ihrer Idole teilhaben zu können. Wir suchen die Bestätigung dessen, was wir schon lange wissen: Die anderen sind wie wir. Auch Kim Kardashian. Doch das «Wie wir» wird auf 1000 und eine Art gelebt. Vielleicht liegt die Faszination von Instagram darin, dass wir sehen, was ausserhalb unseres professionellen, künstlerischen und medialen Umfeldes passiert. 

Instagram ist die Plattform des Glamours, des leichten Lebens, der Avocado-Toasts und der «Bathroom Selfies»

Wir betrachten nicht nur Fakten, Ereignisse oder Objekte, sondern Geschichten mit allem, was das Leben bereithält. Die Fakten erhalten so einen persönlichen Anstrich und jeder kann sich in den Lebensereignissen wieder- finden. Die Realität wird menschlicher. 
Auf Instagram können wir uns in anderen Leben verlieren. Mit fremden Leuten entfernen wir uns von uns selber. Doch wohin führen uns all diese Sichtweisen? In unser Innerstes, meinte Proust, der im Leserausch untröstlich war, wenn die letzte Seite gelesen war. Unsere Weisheit beginne dort, wo diejenige des Autors aufhöre, statt Antworten gebe er uns Sehnsüchte. Jedes Bild sei bloss ein kleiner, schöner Ausschnitt, in den wir gerne noch tiefer eindringen würden. Wer einem Instagram-Konto folgt, erweitert seinen Blickwinkel und betrachtet die Welt mit anderen Augen. Maler, Schriftsteller, aber auch Inhaber eines Instagram-Kontos wollen uns beibringen, zu sehen.

Wir suchen Anführer, Mentoren und Gesellschafter. Wir möchten mit ihnen Geheimnisse lüften und mit ihnen zusammen sein und Antworten finden. Indem wir anderen Leben folgen, treten wir mit ihnen in einen Dialog und entdecken neue Blickwinkel. Aber nichts bringt uns Antworten. Proust schrieb in «Tage des Lebens», dass der Nebel, den wir mit den Augen durchdringen möchten, das letzte Wort des Malers sei. Das Leben der anderen zeigt sich uns nur  teilweise und wir müssen den Rest für uns selber ergänzen. Doch genau dort kann unser Geist kreativ werden. Die Wörter und Bilder in Büchern, Gemälden und auf Instagram haben alle densel- ben Sinn: uns zu inspirieren. Sie zeigen uns Emotionen, Kleider, Klänge, fremde Landschaften, wecken unsere Neugierde und nähren unsere Fantasie. In uns hinterlassen sie jedoch nur einen Abdruck der Realität. Weil sie uns nicht alles sagen, können wir sie nicht vergessen und sie führen uns in die Richtung eines spirituellen und kreativen Lebens und zu uns selber. Wäre Marcel Proust noch am Leben, hätte er bestimmt éophile Gauthier und Claude Monet abonniert. Er hätte gehofft, einen Blick in ihr Atelier werfen zu können und die Farben ihres Zimmers zu sehen und er hätte wissen wollen, was sie zum Frühstück essen.

Olivier Theyskens gestand, angesprochen auf die Tatsache, dass gewisse Marken die Zeitspanne zwischen Modeschau und Verkauf reduzieren («See Now Buy Now»), dass er kein Interesse an Realität und Unmittelbarkeit habe: «Ich liebe es, etwas eine gewisse Zeit zu sehen und davon zu träumen. Bei mir vergehen jedoch Monate, bis ich etwas haben möchte.» Diese Geistesaktivitäten regen die Kre- ativität an, denn nur aus dem Geheim- nisvollen entstehen Sehnsüchte. Proust schrieb sinngemäss: Wenn wir schlafen gehen, schliessen wir das geheime Leben mit uns ein, während die Kirchenglocken die Schlaflosigkeit der Sterbenden und Liebenden begleiten. 

 

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