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Sommer auf die sanfte Art

Auf Caféterrassen und Sommerfestivals, in toskanischen Häusern und wilden Buchten – der Sommer entfaltet ein Potpourri an Farben und Klängen, das ihn von den anderen Jahreszeiten unterscheidet und ganz typisch für ihn ist. Zeit, es einmal langsamer angehen lassen – doch wozu und wie? Valérie Fromont erzählt, wieso sie beschlossen hat, ihren Sommer der Stille zu widmen – dieser wunderbaren Stille... 
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Woran merkt man, dass es Sommer wird? Am fröhlichen Stimmengewirr, das von den Strassencafés ertönt, an den voller werdenden Seeufern, am Getümmel im Park, am nächtlichen Strassenlärm. Im Winter sind die Schritte der Passanten kaum mehr als ein entferntes Echo. Das typische Geräusch des Sommers hingegen ist ein Summen. Aber nicht das irritierende Summen der Büro-Cafeteria, das ständige Tippen auf dem Smartphone, das nervtötende Tick-Tock der nie erledigten To-do-Listen und vollgestopften Terminplaner. Der Sommer ist goldgelb wie die unendliche Skala der Geräusche, die zu ihm gehören, das Grillengezirpe, die Festivals oder die gedankenvolle Unberührtheit der Stille. Im Sommer ist die Welt von Tönen erfüllt, von Düften und Nuancen der Stille, die sich uns darbieten, wenn wir uns mit ihnen in Einklang bringen können. Diesen Sommer möchte ich mich in die Stille zurückziehen und meinen Gedanken nachhängen.

 

Einem Artikel der «New York Times» entnehme ich, dass gerade in den angesagten Meditationszentren im Big Apple inzwischen das berufliche Networking stattfindet. Wenn die Leute inmitten von Weihrauchschwaden in grossen, weissen Zimmern beisammensitzen und ihrer eigenen Stimme lauschen, sind sie wohl eher geneigt, miteinander zu kommunizieren und einander zu vertrauen. Auf diese Art haben schon so manche einen Vertrag abgeschlossen, einen Investor gefunden oder ein Business auf die Beine gestellt, während sie in einem dieser erlesenen Clubs bei der nach der Meditationssitzung üblichen Tasse weissem Tee sassen. Natürlich gibt es auch immer mehr Menschen, die sich zum Digital Detox zurückziehen, umso mehr, als das Geschäftsgebaren von Facebook einem vor Augen führt, in welchem Ausmass unsere persönlichen Daten zu kommerziellen oder politischen Zwecken gesammelt oder manipuliert werden. Ob im hintersten Winkel Arizonas, wo Suchtkranke durch den Entzug begleitet werden, oder in den schicken, minimalistischen Lofts in New York, die Suche der Menschen gleicht sich überall: der Sprache wieder einen Sinn zu geben, indem man sie aus der Stille entstehen lässt. In seiner Geschichte der Stille erinnert uns der Historiker Alain Corbin übrigens daran, dass diese Suche bereits unsere Ahnen beschäftigte: «Früher schätzten die Menschen im Westen die Tiefe und den Genuss der Stille. Für sie galt sie als Voraussetzung der Besinnung, des Auf-sich-selbst-Hörens, der Meditation, der Anbetung, des Träumens, der Schöpfung; vor allem aber als innerer Ort, aus dem die Sprache entsteht.»

 

Wenn der Sommer die beste Zeit für die Stille ist, dann deswegen, weil er oft einen Augenblick des Bruchs mit dem Gewohnten markiert: den Landschaften, Rhythmen, Aktivitäten, dem Klima, den Düften und Gerüchen und der menschlichen Umgebung. Bei all dem entsteht die Bereicherung möglicherweise erst dadurch, dass man sich loslöst. Ein leichtes Kleid entspricht bereits einer gewissen Stille in der Kleidung. Die Mode zieht ins Ferienquartier, und dann bekommen schlichte Details eine Bedeutung: eine ins Haar gesteckte Blume, ein Hemd aus zerknittertem Leinen, hübsche Römersandalen, ein Talisman als Anhänger. Der Tagesrhythmus, die Gestik, der Gang, die Schönheitsrituale, alles wird der Hitze untergeordnet, und meist genügt das Allernötigste. Sogar die Stimme passt sich der Trägheit an, die in der Luft hängt und sich in den Häusern breitmacht. Mitten im Sommer entfaltet die Stille eine ganze Bandbreite an Texturen und erlaubt einem so, auf das zu hören, was im eigenen Inneren gehört werden will. Das bedeutet, sich den metaphorischen Luxus dieses «eigenen Zimmers» zu gönnen, das Virginia Woolf so wichtig war. So gibt man sich selbst die Möglichkeit, «sich im eigenen Blick zu erkennen», wie Simone Weil sagte. Die Erkundung dieses intimen Bereichs erstreckt sich in die Zwischenräume der klanglichen Transparenz. Eine engere Verbindung zum Ich, das auf diese Weise von allen äusseren Stimuli befreit ist, die es daran hindern, zu erfahren, was die Stille fruchtbar macht – in den Worten von Louise Bourgeois: «Um Künstlerin zu sein, muss man in einer Welt der Stille existieren.»

 

Psst! Die schweigende Betrachtung eröffnet auch die Möglichkeit, diese Stille, aus der die grossen Werke entstehen, von der Warte des Zuschauers aus zu erleben. Während das Wort auf einen zukommt und Aufmerksamkeit fordert, machen es manche Werke notwendig, sich zu ihnen zu begeben und ihnen ganz nahe zu sein, vielleicht ebenso sehr, um ihnen zu lauschen wie sie zu betrachten. Erst wenn man auf das hört, was sie in uns erklingen lassen, können sie wirklich eine Form annehmen. So beginnt ihr zweites Leben: das einer einzigartigen Begegnung zwischen Künstler und Betrachter. «Jedes grosse Werk entsteht aus der Stille und kehrt wieder in sie zurück (...), genau wie die Rhone den Genfersee durchquert. Ein Strom der Stille durchquert das Land von Combray und den Salon der Familie Guermantes, ohne sich einzumischen», schreibt François Mauriac über das Werk von Marcel Proust. In den Museumssälen, Galerien, Biennalen, durch die ich diesen Sommer vielleicht schlendere, werde ich den Audioguide höflich ablehnen, um mich angesichts des Mysteriums eines Kunstwerks von der Melodie meines Inneren wiegen zu lassen – nicht so sehr versuchen, es zu verstehen, als vielmehr seinem Geheimnis zu begegnen.

 

Dann sind da noch die Gespräche. Solche, die sich auf Caféterrassen, in Strandhütten, in der Abgeschiedenheit eines Zimmers und an so vielen anderen Orten ergeben und die ich mehr als alles andere liebe. Ich weiss, dass das Nichtvorhandensein von Worten manchmal die grösste Gewalttat ist. Aber das Gespräch ist trotzdem keine Voraussetzung für Gemeinsamkeit. «Die Stille», so der Schriftsteller Marc Fumaroli, «ist nicht unbedingt ein Verlust der Sprache, sondern deren Rückzug auf einen ursprünglicheren, klangvolleren Ort.» Wenn wir uns wirklich etwas zu sagen haben, müssen wir vielleicht zunächst einmal schweigen. Die Besinnung, die Kontemplation, die Möglichkeit, auf die innere Stimme zu hören, das sind die eigentlichen Voraussetzungen für das Entstehen eines gehaltvollen Gesprächs. Zusammen schweigen zu können, ist eine ganz eigene Kunst. Ohne dass es peinlich ist, ohne den Wunsch, Eindruck zu machen, ohne die Notwendigkeit, die Sprache als Medium des Austauschs zu gebrauchen. Woran man sich in der Spätphase einer Beziehung erinnert, sind nicht unbedingt die Gesten oder Worte, sondern die gemeinsam erlebte Stille. Ganz oft besiegelt genau sie das Einverständnis unter Liebenden. Kein dichtes, undurchsichtiges Schweigen, sondern ein fliessendes, geschmeidiges, seidiges Schweigen, in dem alle zukünftigen Gespräche bereits angelegt sind.

 

Wie soll man einen Text über die Stille enden lassen? Schliesslich ist das ein Paradox an sich. Indem man der Stille, die diese Zeilen von Victor Hugo durchströmt, das Wort überlässt:

«Vom Gestirn bis zum Staubkorn hört die Unermesslichkeit sich selbst zu […].
Glaubst du, dass das Wasser des Stroms und die Bäume im Wald,
Wenn sie nichts zu sagen hätten, ihre Stimme erhöben? […]
Glaubst du, das Grab, bekleidet mit Gras und Nacht,
Sei nur ein Schweigen? […]
Nein, alles ist eine Stimme und alles ist ein Duft.
Alles sagt in der Unendlichkeit jemandem etwas.

 

Illustration:
ANNA HAAS

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