Uhren

25 Minuten mit Joël Dicker

von Odile Burger
11.01.2017
Joël Dicker ist zurzeit der erfolgreichste Schriftsteller der Schweiz. Mit seinen beiden Romanen Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert und Die Geschichte der Baltimores erlebt der junge Autor aus Genf auch international einen entscheidenden Durchbruch. Und als Botschafter von Piaget vermittelt er das Image des gut aussehenden Erfolgsmenschen, der mit Charme und Witz – auch ausserhalb der Fiktion – Menschen in seinen Bann zieht. 

L'OFFICIEL Schweiz: Sie haben als Kind Ihre Sommer in Main an der amerikanischen Ostküste verbracht, das muss Sie als Schriftsteller sehr beeinflusst haben. Wird Ihr nächstes Buch auch wieder ein amerikanischer Thriller sein?

Joël Dicker: Ich spreche nie über ein Buch, bevor es fertig ist. Grund ist, ich will mich frei fühlen. Ich möchte nicht in die Situation kommen, wo ich mich rechtfertigen muss. Wenn ich jetzt beispielsweise etwas sage und dann ändere ich meine Meinung...

Sie folgen also keinem Schema?

Nein, es ist ein komplizierter Weg: Die Geschichte entsteht, während ich schreibe. Ich buddle Dinge aus. Ich habe keine konkrete Idee – die Story nimmt ihren Lauf. Ich kann nicht voraussagen, was passieren wird. Es ist, wie wenn man ein Wochenende in Spanien plant, man kann im Voraus nicht wissen, wie es sein wird. Man muss dort hingehen und es herausfinden.

Offensichtlich eine erfolgreiche Vorgehensweise... Was ist mit der Schweiz, ist es hier zu langweilig für einen Thriller?

Meine Romane ausserhalb meiner Heimat festzulegen, gibt mir das Gefühl auszubrechen, es befeuert mich.

Sie haben eine äusserst dynamische Erzählmethode, man könnte es auch eine effekthascherische Dauerspannung nennen, so die NZZ – wie gehen Sie mit Kritik um?

Es ist sehr wichtig, Kritik aufmerksam zu begegnen, man könnte es schliesslich immer besser machen. Es ist interessant, Kritiken zu lesen, sowohl gute als auch schlechte. Ich sehe es als Glück, so viel Feedback von Lesern zu erhalten. Aber die eigenen Gefühle sind die stärksten, Gefühle sind nie falsch. Ich schreibe meine Geschichten so wie ich sie fühle. Ich versuche nicht, anderen zu gefallen – sonst wäre ich nie Schriftsteller geworden, ich wäre heute Anwalt. Ich habe viele Jahre damit verbracht, darüber nachzudenken, was ich mit meinem Leben machen möchte. Während zehn Jahren schrieb ich Bücher, doch lange Zeit schien das niemand zu bemerken. Ich dachte, Autor zu sein, sei kein richtiger Job. Wenn man den Leuten zuhört, die meisten meinen, dass Schreiben kein Beruf sei.

Durch die Figur von Onkel Saul zeigen Sie ein für Ihr Alter erstaunliches Wissen über das Leben... Wer ist Onkel Saul, existiert er?

Nein, Onkel Saul existiert nicht, er ist das Resultat meiner Freude an der Fiktion, diese Freude, etwas Anderes zu kreieren. Ich habe kein Interesse, Menschen aus der Realität darzustellen. Die Funktion der Figuren in meinen Erzählungen ist, eine Botschaft zu vermitteln. Onkel Saul zeigt, wie ich das Leben sehe. Die letzten vier Jahre waren sehr intensiv, sie fühlten sich an wie 20 Jahre, da waren so viele Erfahrungen...

Haben Sie keine Angst, alles zu verlieren so wie Onkel Saul, der sein Leben als Folge der Andropause zerstört?

Es ist sehr schwierig zu sagen, ich werde nie so sein. Ich hoffe es, aber ich kann es nicht garantieren. Das Leben ist manchmal verzwickt... Ich hoffe, ich werde immer etwas vor mir haben, worauf ich mich freuen kann. Ich hoffe, nie ein Onkel Saul zu sein.

Gemäss Bilanz gehören Sie zu den Reichsten unter 40 – wie geben Sie Ihr Geld aus?

Sie sollten die Bilanz nicht lesen, sie ist voller Fehler. Man darf nicht vergessen, wie alle Künstler muss ich vielleicht mein ganzes Leben von dem schöpfen, was ich jetzt verdiene. Was nicht viel ist, wenn man es auf 30 oder 40 Jahre verteilt.

Was bedeutet Ihnen Luxus?

Luxus ist – ich würde es gerne auf Französisch sagen – savoir faire. Luxus wird manchmal auf eine negative Weise wahrgenommen, aber für mich ist es etwas, das mit sehr viel Leidenschaft und Wissen hergestellt wird.

Wie was?

Irgendetwas, zum Beispiel Uhren – sie kosten viel Geld, wegen der Arbeit. Sie sind das Resultat von jemandem, der Überdurchschnittliches leistet. Luxus bedeutet hohe Qualität, es geht nicht ums Protzen, es geht nicht ums Geld. Man sollte die Manufakturen der Luxusbrands besuchen und zuschauen, wie die dort arbeiten, hinter die Kulissen sehen und die Passion der Leute erleben.

Und immaterieller Luxus?

Zeit - es ist ein wenig ein Klischee, aber es ist wahr...

Was ist mit der Liebe, ist sie nicht das grösste Glück im Leben?

Ich würde eher sagen eine allgemeine Zufriedenheit, das ist etwas, was man kreieren kann. Die Liebe ebenfalls, man kann sie kreieren. Aber nochmals: Das Grossartigste ist die Zeit, weil man sie nicht besitzen kann, man kann sie nicht haben, sie geht einfach vorbei.

Die Zeit rast und die Dinge ändern sich heute schnell. Was halten Sie von E-Readern? Benutzen Sie einen?

Persönlich brauche ich keinen E-Reader. Ich bin aber nicht total dagegen, weil ich verstehe, dass Leute, die um die Welt reisen, alle ihre Bücher auf einem kleinen Gerät dabeihaben wollen. Aber es beunruhigt mich sehr, was deren Existenz bei den Bücherläden anrichtet. Die Menschen sollen weiterhin ihren lokalen Buchhändler besuchen und vor allem auch dort kaufen, falls sie wollen, dass er in ein paar Jahren noch vor Ort ist.

Als vor einigen Jahren das E-Book erfunden wurde, dachten alle, digitales Lesen sei die Zukunft. Nun ist es aber doch nicht so. Weshalb?

Leute, die E-Readers benutzen, kaufen, ohne ein Büchergeschäft zu betreten. Doch sehnen sie sich viele Menschen danach, Bücher zu sehen, zu berühren und durchzublättern. Sie mögen die freundliche Diskussion über Romane mit ihrem Buchhändler. Ich habe das Gefühl, gedruckte Bücher und E-Bücher werden lernen, miteinander zu leben. Die Leute werden weiterhin gedruckte Bücher kaufen und unter bestimmten Umständen auf einen E-Reader zurückgreifen. Man muss sich nicht für den Rest des Lebens für das eine oder andere entscheiden! 

www.joeldicker.com

 

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