Pop Culture

The big escape

von Valérie Fromont
27.07.2017
Bald leeren sich die Büros und alle Städter suchen sich am Feriendomizil einen Platz unter dem Sonnenschirm. Es ist die Zeit der Ruhe und des Reisens. Doch wann ist man wirklich in den Ferien? Und was ist das überhaupt, Ferien? Valérie Fromont begibt sich auf die Suche nach dem Augenblick, in dem die Ferien zur Entdeckung einer wunderbaren Welt führen: des eigenen Ich.

Da sind Sie nun – höchstwahrscheinlich ausgepumpt und völlig gerädert – zu Anfang des Sommers und bereit, die Vitamin-D-Reserven für die nächsten fünf Jahre aufzufüllen. Mit etwas Glück haben Sie eine herrliche Flucht aus dem Alltag vor sich und eine Reise in Aussicht, auf die Sie sich wahnsinnig freuen. Vielleicht ist es ein Besuch bei Ihrer Familie, wo all Ihre Bezugspunkte, Ihre Erinnerungen und Ihre Lieben sind. Oder ein Stopp in einer «masseria» in Apulien, um sich mit Unmengen von der Nonna gekochter Lasagne vom Stress des Jahres zu erholen. Ein Spa in Bali, Trekking in Patagonien, eine Meditation am Fuji, ein weisses, mit Bougainvilleen überwuchertes Haus in Griechenland, ein Chalet im Engadin. Vielleicht haben Sie diese Reise schon vor einem halben Jahr haarklein geplant, vielleicht mögen Sie die Aufregung und den Luxus, sich im letzten Moment für ein Ziel zu entscheiden. Auf dem Papier sehen die Ferien so simpel und schön aus wie ein Kuoni-Katalog, den man am Ende eines trüben Winters durchblättert. Im wahren Leben ist es zugleich weit schlimmer und viel besser, ein Kopfsprung in trübes Wasser, die Entdeckung des grössten und faszinierendsten Kontinents: des eigenen Ich.

Abenteuer im fremden Land.

Ich erinnere mich an die ersten Ferien meines Lebens. Ein Citroën 2CV, zwei Kinder, ein Hund und ebenso viele bis zum Platzen gefüllte Koffer auf dem Autodach. Ich erzähle aus Zeiten, die unseren jüngeren Leserinnen wohl unbekannt sind: vor den Billigfliegern und Airbnb, sogar noch vor dem Internet. Doch, so war das. Alle fuhren so schnell wie möglich in den Süden, Françoise Sagan im Sinn und Georges Brassens und Phil Collins im Ohr. Die Achtziger waren auf ihrem Höhepunkt. Und wirklich faszinierend fand ich nicht so sehr das andere Land, die andere Sprache oder das Meer, sondern diese ganz spezielle Atmosphäre bei der Abreise: um drei Uhr morgens aufstehen, eine heisse Schockolade trinken, wenn wir sonst noch geschlafen hätten. Aufregung im Haus zu spüren anstatt der üblichen lustlosen, bedrückenden Stille. Es musste schnell gehen, um vor den heissesten Stunden des Tages möglichst weit zu fahren (die Autos hatten damals natürlich auch keine Klimaanlage). Diese freudige Erregung, dieses Loch im grossen Mantel der Dunkelheit – wie es später die Partys, Clubs und das Nachtleben sein würden – war eine wunderbares Vorgefühl und ganz sicher eine enorme Erleichterung: das Gefühl, dass manchmal schon eine Kleinigkeit die Kruste der Gewohnheiten sprengt, aus denen unsere Tage und Nächte scheinbar bestehen und die unsere ganze Art zu leben und zu denken vereinnahmen. Manchmal genügt ein kleiner Funke in der Nacht, dann liegt endlich das Leben vor einem. So fuhren wir in den Süden, lauthals singend und insgeheim hoffend, dass dort alles anders sein würde. Ich würde viel dafür geben, dieses Gefühl immer wieder neu zu erleben.

Ich, als Model mit 17 Jahren alt.

Ich erinnere mich an einen anderen Augenblick meines Lebens, als dieses Gefühl so intensiv war wie nie zuvor: Ich war 17 und gerade in Tokio gelandet. Ich war Model und meine Agentur hatte mich an einem Freitagabend in mein Apartment gebracht mit der Mitteilung: «Wir holen dich am Montagmorgen um 9 Uhr ab.» Damals (Gruss an alle Teenies!) konnte man noch nicht auf Handys zählen, und auf Google Maps schon gar nicht. Trotzdem konnte man sich auf das uralte Wissen aus dem Märchen stützen. Lost in Translation ging ich nach draussen und markierte mit Pfeilen auf Papier meinen Weg bis zum ersten Supermarkt und der ersten Telefonzelle, die ich unterwegs fand. Allein auf der Strasse am anderen Ende der Welt, ausser Reichweite meiner Familie, meiner Clique und von allem, was ich kannte (welche von diesen neonfarbenen Gelees im Supermarkt sind eigentlich essbar?). Ich glaube – nein, ich weiss – dass ich mich nie stärker gefühlt habe. Niemals war mir die Fülle meines Einfallsreichtums, der Quelle meines Selbstvertrauens und vor allem meines Muts derart bewusst. Und wie gut ich mich durchschlagen konnte. Mutterseelenallein, nichts und niemand in meiner Nähe, und doch war ich perfekt für das Überleben gerüstet. Ich lernte, mich den Leuten auf der Strasse mit Gesten verständlich zu machen, «Frosties» auf Japanisch zu entziffern, meinen Weg zu buddhistischen Tempeln und zum Fischmarkt zu finden, die Verhaltensregeln in der U-Bahn zu verstehen, Freunde zu finden und auf der Hut zu sein. Gross zu werden.

 

Photo Credits: ZVG

Aber Moment... Ich mache es mir leicht, wenn ich von meinen ruhmreichen Sommerreisen erzähle. Gute Erinnerungen an die Ferien hat jeder. Und schlechte, seien wir ehrlich, sogar noch mehr. Denn an miesen Ferienmomenten habe ich eine so endlose Sammlung, dass sie leicht einen Souvenirladen am Strand der Costa Brava füllen könnten. Ich erinnere mich daran. Sogar sehr gut. Tränen im Flugzeug, weil ich nicht begriffen hatte, dass Ferien mit kleinen Kindern nie mehr echte Ferien sein würden. Manche Häuser waren zu scheusslich, um sich dort echt wohl zu fühlen, es gab Männer, bei denen mir klar wurde, dass ich sie nicht mehr liebte, klaustrophobische Kabinen auf Segelbooten, Familiendramen, lautstarken Krach unter Freunden, Panikattacken in der Sahara, Urlaube mit Spitalaufenthalt. Oder einfach Augenblicke, in denen man sich wieder auf die Arbeit freut, wo man an den Stapel Post denkt, der einen erwartet, an die Geräusche, Farben und Gegenstände im eigenen Zuhause, die schweigend und liebevoll diese unsichtbare, sinnliche Basis bilden, auf der unsere Gewohnheiten beruhen.

Ich habe von den guten Erfahrungen genauso viel gelernt wie von den schlechten. Da ist nichts zu machen, nichts, das man vermeiden könnte, nichts, das an einen Kuoni-Katalog erinnert oder an die starren Erwartungen, die man oft an die Ferien hat. Immer gibt es ein gewisses Mass an Unannehmlichkeiten (Ich kann mir kaum das Lachen verbeissen, wenn ich an eine Freundin denke, die das Glück hatte, an einen der exklusivsten, luxuriösesten Orte der Welt zu fahren und die dann vom Schrecken am nächsten Morgen berichtete, als Wildschweine um ihr Haus streiften). Ferien sind wie ein Inkubator: Nichts wird neu erfunden, aber alles verstärkt, sie führen zur Erkenntnis und manchmal zur Explosion. Auf einmal ist da ein Drang. Zunächst der Drang zum Ausruhen – der Körper braucht oft mehrere Tage, bis er sich entspannt, und nicht selten wird man dann so krank, dass tagelange Bettruhe fällig ist. Der Drang, einen Mann zu verlassen, einen Job oder einen Lebensstil aufzugeben, der nicht mehr zu einem passt. Der Punkt des Loslassens in den Ferien kommt einem Rauschmoment gleich, in dem sich alles, was wir schon genau kennen, mit der Klarheit der ersten Liebe enthüllt. Ferien bieten die grosse Chance auf eine neue Beziehung zur Zeit, zum Raum und zu den anderen, und vor allem erlauben sie uns, in unserem tiefsten Inneren etwas zu öffnen. Diese Songzeilen von Leonard Cohen klingen ewig in mir nach:

«Ring the bells that still can ring Forget your perfect offering There is a crack in everything That’s how the light gets in»

Ob sie nun ein Erfolg oder ein Fiasko sind; der interessanteste Augenblick in den Ferien ist, wenn der Bruch eintritt. Wenn es klick macht und sich uns ein neuer Blickwinkel eröffnet, auf Intimes, Soziales, Ästhetisches, Politisches oder was auch immer. Dieser Augenblick, wenn man versteht, dass man einfach um 3 Uhr morgens eine heisse Schoggi trinken könnte, wenn das Herz danach verlangt. Dass man Forscherin, Krankenschwester oder Schriftstellerin werden, Althochdeutsch lernen oder ein Wildblumen-Herbarium zusammenstellen könnte. Ein neuer, hoffentlich dauerhafter Blick, der weit über das vergängliche – hoffentlich wunderbare – Intermezzo dieser angehaltenen Zeit hinaus lebendig bleibt. Dafür muss man nicht einmal wegfahren. Ich habe schon Ferien daheim verbracht, in denen ich mir für jeden Tag eine neue Unternehmung in meiner Stadt vorgenommen habe. Das erfrischende Gefühl ist garantiert.

Lassen Sie mich vor der Weiterreise von meinem letzten einsamen Moment in den Ferien erzählen. Es war im Frühling auf der Autobahn, die mich wieder einmal Richtung Süden führte. Die obligatorische Lunchpause für die Kinder an einer Autobahnraststätte, die allen Raststätten der Welt gleicht, und das ist vielleicht eine der deprimierendsten Tatsachen der Welt. Ich war im Geiste bereits Audrey Hepburn auf Capri und sass mitten in einem Raum, wo auf dem endlos tristen Bodenbelag übrig gelassene, fettige Pommes Frites lagen. Die Tische klebten vor Ketchup und die Horde Menschen um mich herum wirkte wie auf dem Weg zur Schlachtbank. Ich versuchte, meine Würde (und Laune) inmitten dieser supermodernen, aber trostlosen Umgebung zu bewahren, als ich plötzlich Lust bekam, mir die Wirklichkeit anders zu denken. Ich war nicht mehr auf einer stinknormalen Raststätte, sondern auf einem dieser genialen Fotos von Martin Parr, die so bissig wie liebevoll sind. Die echten Ferien fangen vielleicht auf einer Raststätte an. Manchmal genügt ein neuer Blick auf die Dinge, damit die Welt plötzlich liebenswerter wird. Ich wünsche günstigen Wind und gute Fahrt!

 

Photo Credits: ZVG

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