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Neues Nomadentum

In einer Welt, in der alles – von befristeten Arbeitsverträgen bis zu Kurzehen – nur vorübergehend ist, träumt eine reisende Generation von einem System rund um Langsamkeit und Natur.
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In einer Kuppel von Drop City, einer in Trinidad, Colorado, gegründeten Utopie, 1967.

Sicherlich hätte dies das Magazin «Le Point» zuletzt erwartet: Als die Belegschaft seine Büros im Quartier de la Gaité in Paris verlässt, wird das Gebäude von ganz anderen Menschen bevölkert. Künstler, Musiker oder Köche übernehmen für einige Monate die sich im Umbau befindenden Räume bis zu deren nächsten Übernahme, um ganzheitliche Beratungen, eine saisonale Kantine, Kunstwerke und umweltgerechte Modeschöpfungen anzubieten.
Willkommen im Le Consulat, einem wandernden Ort mit zeitgenössischem Nomadentum. Lionel Bensemoun, der unter anderem die Pariser Bar Le Baron gründete, eröffnet den Raum in Partnerschaft mit dem Kollektiv G.A.N.G., einer neogrünen Aktionsgruppe.
Für Gypsy Ferrari, einen der führenden Köpfe des Projekts, macht gerade das zeitlich Begrenzte eines jeden Raumes dessen Schönheit aus. «Nichts zu besitzen, verändert unsere Beziehung zu den Dingen, zum Konsum: Es gibt keine Amortisation, keinen Gewinn oder Verbesserungen, sondern die Idee, eine Zeit lang mit einem Raum in einer Gemeinschaft zu spielen, dann zusammen weiterzuziehen und die Werte, Erinnerungen und Tätigkeiten hinter sich zu lassen.»

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Le Consulat in Paris.

Ein geteilter Moment
Nina Ricci ist nicht die Einzige, für die der Verzicht auf Besitz ein Gegenmittel zur gegenwärtigen Kultur des Individualismus und hyperaktiven Unternehmertums darstellt. Sie hat das Duo Rushemy Botter und Lisi Herrebrugh als Chefs ihres Hauses angeheuert. Die beiden sind die Gründer des holländischen Herrenlabels Botter und wurden am Modefestival von Hyères dieses Jahr für eine Kollektion mit am Strand gesammelten Objekten ausgezeichnet. Weggeworfene Plastiksäcke oder Kinderspielzeuge wurden für ein Upcycling in die Kollektion eingearbeitet oder getragen, das «ermöglicht eine Verbindung mit der Poesie und der zu oft vergessenen, natürlichen Langsamkeit, sowie das Überdenken des Luxusbegriffs: in erster Linie ein geteilter Moment», erklären die Designer.
Das Sichtbare mit dem Unsichtbaren zu verbinden, treibt auch den französische Rapper Lord Esperanza an. Ganz entgegen dem Klischee des Hip-Hop-Künstlers mit Vorliebe für Bling-Bling und Logos trägt er lokale Marken, deren Ateliers er selbst besucht, trinkt und raucht nicht und reist gern nach Indien, um zu meditieren und seine Spiritualität zu vertiefen. Für ihn ist «der aktuelle Zustand des Planeten unumkehrbar, wir sind in einem Notzustand, was uns alle auf sehr vielfältige Weise verbindet».
Das moderne Nomadentum ist quasi eine Punkhaltung, sehr Anti-Establishment. Mit leichtem Gepäck reisen, wie und wann man will, nichts benötigen, am allerwenigsten die Anerkennung des Systems: Das ist die ultimative Freiheit dieser Epoche, insbesondere für exponierte Persönlichkeiten auf der Suche nach einem radikalen Bruch. Isabel Marant, eine Nomadenpionierin, flieht jedes Wochenende aus Paris, um in einer Hütte ohne Wasser und Strom zu leben; Sarah Andelman, Ex von Colette, verschwindet in ihr Haus in den Bergen der Catskills im Bundesstaat New York, weit weg von der Mode. Kürzlich tauchte Dree Hemingway auf der Suche nach Spiritualität und im Einklang mit den Elementen und Tieren in eine australische Hippie-Kommune ein. Der Technologie-Mogul Elon Musk zieht das Campieren auf dem Dach seines Unternehmens einem Hotelzimmer vor. Dort macht er ein grosses Lagerfeuer und stellt alles infrage, was man Luxus und Komfort nennt. Der Wunsch nach Realität führt sowohl Justin Bieber als auch Eva Longoria und Oprah Winfrey zu einem kulturellen Detox, das aus Camping, Klettern und Leben in der Natur besteht.


New Age
Travellers, Mercheros, Beduinen: Während wir immer unseren sesshaften Lebensstil als Norm angesehen haben, zeugt die Geschichte von Gruppen, die in Gemeinschaften umherzogen und den Jahreszeiten folgten. Sie versuchten nicht, die Natur zu beherrschen, sondern mit ihr in Harmonie zu leben. Dieses Streben taucht oft in alternativen Kreisen, zum Beispiel bei Globalisierungsgegnern, auf. Seit 1900 ist das Projekt Monte Verità in der Schweiz eine «vegetabile Kooperative», die Nacktheit vorschreibt und Normen wie Heirat und Familie ablehnt – und wurde der Vorreiter der Hippies, wie wir sie heute kennen. Wie in der Erzählung des Dichters Allen Ginsberg schlagen die Beatniks vor: «Liebe machen, nicht Krieg» und «Kugeln mit Blumen bekämpfen». Die Flower-Power-Bewegung der 70er-Jahre drückt ihre Konsumkritik durch die Entscheidung aus, in einer Gemeinschaft zu leben, zu teilen und sich gegenseitig zu helfen.
Nicht überraschend haben die Überproduktion und der Zustand der Umwelt seit einigen Jahren Modelle hervorgebracht, die unsere Beziehung zum Leben, zum Service und zum Komfort neu überdenken, wie zum Beispiel Tauschhandel, partizipative und assoziative Kantinen, wo jeder etwas zum Prozess beiträgt, freegane Restaurants, die auf der Grundlage von Abfällen dagegen kämpfen, dass Tonnen von Unverkauftem weggeworfen werden, Haustausch ... «Es ist eine richtige Strömung. Man sieht ein Comeback der New-Age-Ideale infolge einer generellen Enttäuschung aufgrund nicht erhaltener Versprechen vonseiten der Gesellschaft: die Unmöglichkeit, trotz guter Ausbildung keine feste Anstellung zu finden, der zur Norm gewordene befristete Arbeitsvertrag», analysiert Laurence Vély. «Eine Generation hat zehn Jahre Praktika gemacht, ist mit einem Hungerlohn bezahlt worden und stellt mit 30 Jahren fest, dass sie früher altmodisch wurde denn je und doch immer noch nichts verdient. Also sagt sie sich: und wenn die Wahrheit woanders liegt?» Die ehemalige Journalistin von Frauenzeitschriften («Marie France», «Vanity Fair») gründete die Plattform Les Déviations, die sich auf berufliche Umschulungen konzentriert. Sie ist dort auf der Suche nach Leuten, die den traditionellen Weg verlassen haben, um sich einer wahren Leidenschaft zu widmen, die Metropole zu verlassen, sich neu zu erfinden. Anschauliche Beispiele: Die Sängerin Erykah Badu ist heute Doula, ein Art spirituelle Hebamme – eine Aktivität, die sie von ihrer Ranch in den USA aus ausübt, wo sie mit ihren Kindern Seven, Puma und Mars lebt. Sie wird das Model Slick Woods bei der Geburt begleiten. Taryn Toomey, ehemalige Einkaufsleiterin bei Dior, kündigte ihren Job, um Yoga-Lehrerin zu werden. Die Kritikerin und Schriftstellerin Nicky Lobo wurde Malerin und Kuratorin und unternimmt einsame Roadtrips durch die ganze Welt. Und die Opernsängerin Donatella Moltisanti wurde Heilpraktikerin.


Wieder lernen, zuzuhören
Hören, was die Gesellschaft nicht weiss: Das ist die Botschaft der jungen, sehr populären amerikanischen Astrologin Annabel Gat, die in den Himmel schaut, um die grossen Fragen des Lebens zu beantworten. «Die Intuition, der siebte Sinn, das astrale Thema: Parallelwissen wird nicht gefördert, weil es uns zwingt, loszulassen, eine Situation zu akzeptieren, sich daran zu erinnern, dass man Teil eines Ganzen und Kontrolle eine Illusion ist.» Heute gehört sie einer wachsenden spirituellen Gemeinschaft an, die Erfolg sucht, der nicht zu Geld gemacht werden kann, ein Prozess des Verlernens, «um Unabhängigkeit neu zu denken, seinen Platz in einer Gruppe zu feiern, Verbindungen zu pflegen, die uns auf einer ganz anderen Ebene aufblühen lassen.»
Das Bedürfnis nach einem alternativen Glauben brachte Kylie Jenner dazu, bei sich einen Kristallgarten zu errichten, in dem sie ihre magnetischen Kristalle aufstellt, oder sich nur mit Menschen zu umgeben, deren Energie mit der ihren kompatibel ist. Diese energetischen Steine benutzen auch Miranda Kerr, Gwyneth Paltrow oder Kim Kardashian, für Massagen, um den Hals getragen oder in der Tasche – sie ermöglichen ihnen einen spirituellen Zugang zur Gesundheit.
Für den Millennial und Buddhistenmönch Gabe Gould ermutigen diese Praktiken jeden, das Leben selbst in die Hand zu nehmen und die aktuellen, klassischen «Gewinne» wie Likes, Popularität, Viralität und ständige Sichtbarkeit abzulehnen: «Langfristig gibt es keine Lösung, die nur eine einzelne Person positiv beeinflusst, aber zulasten der anderen geht. Sofortige Befriedigung und Konkurrenz zerstören mehr als alles andere», meint er.


Verantwortungsbewusste Mode
Die Modebranche ist sich bewusst geworden, dass sie Verantwortung übernehmen und sich wieder mit der Welt im umfassenden Sinn verbinden muss, da diese jeden Kaufakt hinterfragt. Das Label Keef Palas aus Barcelona bietet vergängliche Schmuckstücke an, einen Blumenzweig als Ohrring, zwei Muscheln als BH, vergängliche Objekte, die uns nur einen kurzen Moment gehören. Für ihre Gründerinnen Claire O’Keefe und Eugenia Oliva ist es eine Möglichkeit, sich mit der Natur zu verbinden und in dem Halt zu finden, was in den Grossstädten vergessen geht.

Vergängliche Ohrringe von Keef Palas, «Intolerant Collection» (2018).

Dieser Respekt steht auch im Zentrum der Upcycling-Marke Les Récupérables, ethisch, transparent und solidarisch, sowohl im Hinblick auf den Planeten als auch auf die ganze Produktionskette. «Unsere Gesellschaft wird aus klimatischen Gründen immer mehr mit Migrationsströmen konfrontiert werden. Unsere Kleider sind teilweise auch dafür verantwortlich, da sie eine extreme Verschmutzung nach sich ziehen. Wenn wir den CO2-Ausstoss dank lokaler Produktion, der Wiederverwendung vorhandener Materialien und der Gewährleistung einer höheren Langlebigkeit reduzieren, verringern wir die Umweltbelastung beträchtlich», betont die Gründerin Anaïs Dautais Warmel.
Wie Keef Palas, Finalist am Festival von Hyères, gehört auch diese Marke zu einer Generation, die «einen umfassenden Überblick sucht, nach einer alternativen Mode strebt, die ein Mittel gegen die Globalisierung, den Verlust lokaler Kulturen und Handwerkskenntnissen sowie gegen die dem Planeten zugefügten Schäden ist», analysiert Jean-Pierre Blanc, der Direktor des Festivals. Anders gesagt, ist es ein Nomadentum, dem es nicht reicht, teuer und stylish zu leben, sondern sich eine Lebensweise vorstellt in Harmonie mit dem, was wir sind und was uns umgibt. Wie das Künstlerkollektiv Catastrophe, das sein Publikum in surrealistische Workshops einlädt, in denen sich jeder etwas ausdenkt, was er noch nie zuvor gesehen hat, und versucht, dafür Lösungen und eine Utopie zu finden. Das erinnert an den Text von Robert Musil in «Der Mann ohne Eigenschaften»: «Jede Generation behandelt das bei ihrer Ankunft auf der Welt vorgefundene Leben als definitive Tatsache. (...) In jedem Moment könnte die Welt jedoch in jede Richtung verändert werden. (...) Es wäre deshalb originell, zu versuchen, sich nicht wie ein vorbestimmter Mensch in einer vorbestimmten Welt zu verhalten, wo es nur, könnte man sagen, einen oder zwei Knöpfe zum Drücken gäbe (was man Evolution nennt), sondern von Beginn an wie ein Mensch, der geboren ist für Veränderungen in einer Welt, die für Veränderungen geschaffen wurde ...»

 



Image Credits:
CARL IWASAKI/THE LIFE IMAGES COLLECTION/GETTY IMAGES
LE CONSULAT
ALEX FRANCO FOR KEEF PALAS

 

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