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Members Only

Im legendären privaten Londoner Nachtclub Annabel’s feiern seit mehr als einem halben Jahrhundert die englischen Aristokraten, aber auch Mick Jagger oder Kate Moss. Nun wurde das Etablissement komplett neu erfunden und zeigt sich in einem maximalistischen Rokoko-Kleid.
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Das neue Annabel’s heute: der Salon «Elefant».

Hinter der Backsteinfassade aus dem 18. Jahrhundert mit den schmiedeeisernen Gittern würde man eher die Wohnung eines Bankiers aus dem letzten Jahrhundert vermuten als einen Ort für Feste und Nachtleben. Doch die Mauern der Nr. 44 Berkley Square verbergen eine grandiose Innenarchitektur. Seit den Sechzigerjahren sind hier angeheiterte Celebritys, verkleidete Mitglieder der Königsfamilie, Debütantinnen auf der Suche nach Abenteuern, angeberische Aristokraten, die ganze Modeszene und uneheliche Paare ein und aus gegangen und sogar eine Königin. 1962 eröffnete die ideal zwischen Hyde Park und Buckingham Palace gelegene Location ihre Tore als einfache Pianobar des Clermont Club und Casino, das John Aspinall gehörte. Zu den ersten Mitgliedern zählten fünf Herzöge, fünf Marquise, zwanzig Grafen und zwei Minister. Unter den eingefleischten Spielern befanden sich auch Lucian Freud, Peter Sellers, Ian Fleming und Gianni Agnelli. Es fehlte lediglich ein Ort, an dem man nach den Kartenpartien ein Gläschen trinken und sich amüsieren konnte.

Erträumtes Paradies
Im folgenden Jahr verwirklicht Mark Birley, Sohn des High-Society-Malers Oswald Birley und Bruder von Maxime de la Falaise, mit der Hilfe von 500 Mitgliedern im Untergeschoss seinen alten Traum von einem Nachtclub, der nach seiner jungen Ehefrau Lady Annabel getauft wurde. Das alles erinnert an die Treffen der ehemaligen Eton-Studenten, die Trinkgelage und harmlosen Romanzen aus den Romanen von P. G. Wodehouse, eine Art erträumtes Paradies der englischen Aristokratie. Ausser dass Mark Birley wirklich ein Flair für Nachtvögel hat. Der verrückte Perfektionist macht das Annabel’s zu einem Ort, an dem man sich unter Freunden entspannen möchte. Jedes Detail stimmt: Das Dekor entspricht dem Ideal eines englischen Salons, mit grosszügigen Sofas aus rotem Samt und weiss gekleideten Butlern, die alle Gäste mit Namen kennen, ihren Geschmack erahnen und immer den richtigen Cocktail im richtigen Glas bringen. Die Luxusobjekte und Gemälde mit Hunden, Pferden und jungen Frauen stammen alle aus den nahe gelegenen Auktionshäusern (Sotheby’s und Christie’s). An den mit Onyx-Platten verkleideten Wänden der Herrentoilette ziehen auf einem Band die Nachrichten der Agentur Reuters vorbei, damit man auch mitten in der Nacht auf dem Laufenden bleibt. Die Tanzfläche mag winzig sein und die Choreografien der Tanzenden nicht besonders toll, aber das Hightech-Sound-System gibt den amerikanischen Rock in seiner ganzen Kraft wieder. Die Platten kommen jeweils frisch aus New York auf Bestellung des Direktors.

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Mark Birley, der Gründer des Clubs, 1974 (links) und Alek Wek anlässlich der Fashion Awards im letzten November (rechts).

Birley, der lakonische Chef mit dem untrüglichen Auge, leitet seine Crew streng, aber aufopfernd in seinem kleinen Reich, immer mit einer Cohiba-Zigarre zwischen den Lippen und den geliebten Hunden auf den Fersen (im Club sind auch Begleiter auf vier Pfoten willkommen). Die Höflichkeit und die guten Manieren des alten Englands sind genauso Pflicht wie der Smoking, und wenn ein Gast einen Kellner schlecht behandelt, wird er definitiv von der Liste gestrichen. Was Birley, selbst ein verführerischer Gentleman, zu guter Letzt auch sehr wichtig ist: Das Licht muss gedämpft sein, um Romanzen jeder Art zu begünstigen. In dieser Hinsicht funktioniert die Strategie gut, vielleicht zu gut, denn die unehelichen Paare – und Scheidungen – werden immer zahlreicher. Birley wird selbst ein Opfer davon, als Annabel auf den Sofas des Clubs den unwiderstehlichen Jimmy Goldsmith trifft, den sie Ende der Siebzigerjahre in zweiter Ehe heiratet. Wegen dieser Anrüchigkeit bitten alle hübschen Debütantinnen ihre Flirts, sie ins «Bel’s» mitzunehmen, um sich gehen zu lassen.

Perfekte Dinners
Seit dem Swinging London Ende der Sechzigerjahre dürfen auch berühmte Bürgerliche in die heiligen Hallen eintreten, beispielsweise der Starcoiffeur Vidal Sassoon, Roman Polanski, John Wayne, Aristoteles Onassis, Frank Sinatra (und seine Flasche Jack Daniel’s), Elizabeth Taylor, Jack Nicholson, Joan Collins, dann Kate Moss, Bryan Ferry oder Madonna. Auf der winzigen Bühne treten The Supremes, Grace Jones, Tina Turner, Ray Charles, Ella Fitzgerald oder Diana Ross auf. Die Beatles, die barfuss gekommen sind, geraten in Konflikt mit dem strengen Dresscode (Abendgarderobe ist Pflicht) und werden abgewiesen, genauso einige Jahrzehnte später One Direction. Einzige Ausnahme der Regel ist der Dandy Mick Jagger, der von Mark Birley persönlich von der Krawattenpflicht freigesprochen wird.

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Elizabeth Taylor beim Verlassen des Nachtclubs, 1988 (links) und Francesca Thyssen-Bornemisza und Jerry Hall im Annabel’s, 1987 (rechts).

Im Gegensatz zu gewissen anderen legendären Clubs, die Ende der Siebziger das Nachtleben umwälzen wie das Studio 54 in New York und das Palace in Paris, beharrt das Annabel’s auf seiner Regel eines Clubs der High Society, dem «Members Only»: keine soziale Durchmischung an der Tür (die exzentrischen «jungen, modernen Leute» werden nicht eingelassen). Die schicken, intimen und perfekten Dinner werden sehr geschätzt. Einige mehr oder weniger rebellische Mitglieder der königlichen Familie Englands, der Prinz von Wales oder Prinzessin Anne, verbringen dort ihre Nächte. Übrigens ist Annabel’s der einzige Nachtclub, den Königin Elizabeth II je besucht hat. Im Jahr 2003 soll sie dort einen Gin Martini ohne Zitrone getrunken haben. Und Fergie und Prinzessin Diana sollen 1986 als Police Officers verkleidet im Club aufgekreuzt sein, nachdem sie vergeblich versucht hatten, am Junggesellenabschied Prinz Andrews teilzunehmen.

«Annabel’s ist der einzige Nachtclub, den Königin Elizabeth II je besucht hat. Im Jahr 2003 soll sie dort einen Gin Martini ohne Zitrone getrunken haben.»

Schon von Anfang an wird das Annabel’s zu einer Legende und ein unerreichbarer Traum für jedes Boulevardblatt: Kein Journalist, kein Fotograf, kein Paparazzo ist je eingelassen worden, mit dem Nachteil, dass heute kaum Dokumente und Bilder aus der Anfangszeit des Clubs existieren. Vielleicht könnte man sich eine Mischung aus den Fotografien der steifen Aristokraten von Karen Knorr aus dem Buch «Belgravia» und den Beschreibungen der Studenten in Oxford und den in gerüschtem Taft unter den Tischen liegenden Debütantinnen aus «The Last Hurrah» von Dafydd Jones vorstellen.

 

In den Neunzigern verstaubt der Club etwas, bevor er von Robin Birley, Marks Sohn, der unglaublich gut mit Leuten umgehen kann, wiederbelebt wird. Nach undurchsichtigen Streitereien zwischen seinen Kindern, die mexikanischen Telenovelas hätten entstammen können, verkauft Mark Birley 2007 den Club für 90 Millionen Pfund an den Magnaten Richard Caring, der schon lange davon geträumt hatte, dieses Reich der Nacht zu übernehmen. Birley stirbt zwei Monate später. Zuvor hat er Robin enterbt, der seinerseits den Club Loulou’s gründete. Caring hingegen hat grosse Pläne mit dem Annabel’s. Bestimmt schon seit 1967 träumt er von diesem Ort, seit er sich, damals 19-jährig, mit geschickten Tricks Einlass verschaffte.

Enthemmter Maximalismus
Nun geben sich Noblesse, Banker, It-Girls und Modeleute die Klinke in die Hand. Zum 50-jährigen Bestehen wird 2014 ein Fest organisiert, an dem der Dokumentarfilm über den Club, «Annabel’s, a String of Naked Lightbulbs» von Ridley Scott, zu sehen ist. In jener Nacht wirkt Kate Moss halb nackt als DJane und Lady Gaga gibt eine erinnerungswürdige Performance, als sie auf das Klavier steigt und «Poker Face» singt. Aber für Caring sind die Feste noch nicht gross genug: Im April 2018 eröffnet er in einer Villa an der Nummer 46 derselben Strasse (zwei Häuser weiter) ein neues Annabel’s: ein Meisterwerk des enthemmten Maximalismus, überaus Instagram-würdig. Alles strotzt vor Trompe-l’oeils, Blumen- lüstern aus Muranoglas, pistazienfarbiger Seide an den Wänden oder De-Gournay-Tapeten mit exotischen Mustern, Spiegeln, Marmor und Rosenprints, dass den Fans von Laura Ashley schwindlig würde. Hikari Yokoyama, die Ehefrau von Jay Jopling (Gründer der White Cube Gallery), ist als Chefin für zeitgenössische Kunst angestellt, Derek Blasberg ist im Mitgliederkomitee und verantwortlich für das Label, und Charlotte Tilbury übernimmt den Bereich Schönheit. An der Wand hängt ein fantastischer Picasso, «Femme au béret rouge avec pompon» (1937), den Caring gekauft hat und der die Liebhaberin des Malers, Marie-Thérèse Walter, darstellt. Der neue Besitzer tauft sie ritterlich in Annabel um. Einverstanden, Pablo?

Kate Moss beim Auflegen an der Premiere von Annabel’s Dokumentarfilm «A String of Naked Lightbulbs», 2014.

Doch der «Puderraum» in den Damentoiletten stellt alles andere in den Schatten: ein riesiges Boudoir mit muschelförmigen Wasserbecken aus rosa Onyx und vergoldeten Wasserhähnen in Schwanenform. Es ist der Stil Marie-Antoinettes, neu errichtet von Barbara Cartland, Buckingham mit Einfluss des hollywoodschen Glamours der Fünfzigerjahre. Und es läuft. Statt Annabel’s «old school» heisst es nun «new cool». Nie zuvor hat der neu erfundene Mythos so gut funktioniert.

 

Im November 2018 wird das alte Annabel’s definitiv beerdigt, aber mit grossem Aufsehen: Das ganze Mobiliar und die Kunstwerke der Nr. 44 Berkeley Square, die Zeugen der Feste mehrere Generationen waren, werden bei Christie’s in London versteigert. Der Erlös übertrifft alle Vorhersagen und erreicht 4 Millionen Pfund. Der von Rita Ora besonders begehrte Buddha aus dem Salon mit den rot lackierten Wänden bringt 137 500 Pfund ein. Das berühmte Werbeplakat für Modiano-Zigaretten, das in der Mitte des Clubs hing, wurde auf 1 500 Pfund geschätzt, erzielt aber 197 750 Pfund, ein Rekord für ein Plakat. Selbst die kleine Tanzfläche mit dem beschädigten Boden geht für 15 000 Pfund weg. Der DJ Nick Grimshaw erinnert sich daran, darauf Grace Jones beim Hula-Hoop gesehen zu haben. Eine Menge Bieter sind da: einerseits diejenigen, die in fünfzig Jahren ihre schönsten Liebesgeschichten auf den roten Polstern erlebt hatten, andererseits die Fans, oft zu jung, um die grosse Zeit gekannt zu haben, und die Nostalgiker mit Leib und Seele, die der Club ins Träumen brachte. Nichts ist mächtiger als die Vorstellung vom ultimativen Fest, koste es, was es wolle.

annabels.co.uk

 

Image Credits:
JAMES MCDONALD
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