L'Officiel Art

Stadt der Engel, Stadt der Künste

Kaum eine andere Destination erhält momentan mehr Hype: L.A. ist die Stadt der Stunde. Sie hatte zwar schon immer ihren ästhetischen Reiz, doch vor allem ihre Energie und offene Geisteshaltung machen sie unwiderstehlich. Und so konnte sie sich als neues Zentrum der zeitgenössischen Kunst zur vollen Blüte entwickeln.
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Soul of a Nation: Art in the Age of Black Power 1963–1983 im Broad Museum widmet sich nächstes Frühjahr dem Beitrag afro-amerikanischer Künstler und Künstlerinnen zur Kunst dieser Epoche. Hier «Wives of Sango» von Jeff Donaldson.

Vorbei die Zeiten, da Los Angeles als langweilige Stadt galt – weil sie sich kilometerlang hinzieht, ohne dass es etwas zu sehen gibt, bevölkert von Filmleuten, die nur für Illusionen und Glamour leben und vielleicht noch Kino machen. Heute träumt die ganze Welt von dieser Stadt, denn ihre offensichtliche Coolness macht sie zum Sehnsuchtsort aller, die sich von den Megacitys der Welt gestresst fühlen. Inzwischen gehört sie im Circuit der internationalen Kunstszene zum Pflichtprogramm.


Vier neue Museen für zeitgenössische Kunst sind innert drei Jahren emporgeschossen, bereits etablierte wurden erweitert, tonangebende Galerien lassen sich in den neuen Quartieren nieder, die um diese Einrichtungen und Communitys herum entstanden sind. Dem amerikanischen Experten Richard Florida zufolge ist Los Angeles im Moment die Stadt mit den meisten Kreativen in den USA. Die dortigen Kunsthochschulen, etwa UCLA, USC, Calarts oder das Arts Center von Pasadena, gehören zu den besten landesweit, und nach dem Beispiel der schon immer in L.A. ansässigen Künstler Ed Ruscha und John Baldessari ziehen ständig weitere hierher, etwa Barbara Kruger und Lari Pittman. Unzählige Superstars der zeitgenössischen Kunst quartieren sich in gigantischen Ateliers ein, von Sterling Ruby über Paul McCarthy und Doug Aitken bis zu Catherine Opie.


«Ich kam hierher, um an der UCLA zu studieren, wo grossartige Künstler wie Chris Burden, Lari Pittman, Charles Ray oder Jason Rhoades unterrichteten. Danach bin ich geblieben, weil es für die wenigen Kunstschaffenden, die sich hier etabliert hatten, eine fantastische Zeit war», erzählt uns die seit 1995 in L.A. lebende Schweizer Künstlerin Francesca Gabbiani. «Die Mieten waren so niedrig. Wir haben uns in unsere Ateliers abgesondert, und der Wettbewerb geschah über Partys und Kunst. Da war ein intellektueller Ehrgeiz, eine Raserei, die es anderswo nicht mehr gab.»

Doch lange Zeit war das kulturelle Leben nicht besonders reichhaltig. Die grossen Sammler hatten den Museen ihre klassischen Kollektionen gestiftet, Getty natürlich, Norton Simon oder Hammer. Das LACMA (Los Angeles Museum of Contemporary Art) und das MOCA (Museum of Contemporary Art) waren kleine, leicht verschlafene Provinzmuseen. In den Nullerjahren erlebten sie zwar einen Aufschwung, doch deswegen wurde L.A. nicht zu einem Zentrum der Kunst wie New York, London oder Paris. Dann stiftete der Mäzen Eli Broad, selbst Gründungsmitglied des MOCA, den Anbau eines Flügels für zeitgenössische Kunst am LACMA und beteiligte sich an der Finanzierung der Walt Disney Concert Hall von Frank Gehry in Downtown Los Angeles. 

 

In deren Nähe eröffnete er The Broad, sein eigenes, gratis zugängliches Museum, ein Gebäude von architektonischem Anspruch, das Broads ausserordentliche Sammlung moderner und zeitgenössischer Kunst beherbergt. Seither stehen die Besucher dort von morgens bis abends Schlange, und der «Infinity Mirrored Room» von Yayoi Kusama hat das Broad auf den Gipfel des Instagram-Ruhms katapultiert. In seinem Kielwasser haben sich in Downtown zwei neue Museen angesiedelt: das Institute of Contemporary Art Los Angeles in einer ehemaligen Lagerhalle sowie das Main Museum in einem schönen Bau im Old Bank District. 

 

Der Boom erstreckt sich auch auf kommerzielle Galerien. So hat der Schweizer Gigant Hauser & Wirth eine museumsähnliche Galerie im Arts District eröffnet, einen Komplex aus Ausstellungsräumen, Buchhandlung, Shop, Restaurant und sogar einem Gemüsegarten. Das ebenso internationale Haus Sprüth Magers ist mit Räumlichkeiten von 1300 Quadratmetern in der Nähe des LACMA angesiedelt. Jeff Poe, der 1994 eine der wichtigsten Galerien der Stadt gründete, erklärte vor Kurzem: «Die kritische Masse ist erreicht. Es sind nicht nur die Galerien. Die Eröffnung des Broad hat die Aufmerksamkeit der gesamten Kunstwelt erregt. Die Reaktionen waren phänomenal.» Culver City und der Arts District stehen zwar heute im Zentrum dieses Kunstbooms, mit einerseits Blum & Poe, Honor Fraser, Roberts & Tilton, Cherry & Martin und andererseits The Box, Venus Over Los Angeles oder François Ghebaly, um nur einige zu nennen. Doch auch im Rest der Stadt ist im Gefolge der Galerie Regen Projects nun Bewegung. Zu nennen sind da die David Kordansky Gallery (wo Mai-Thu Perret und John Armleder aus der Schweiz ausstellen), Kayne Griffin Corcoran, die M+B Gallery, für welche Benjamin Trigano zukunftsträchtige Künstler aufspürt, 6817 Melrose, die Galerie von Theo Niarchos, in der kürzlich Oliver Mosset ausgestellt hat, und Gavlak, Francesca Gabbianis Galerie. 

Vague Terrains/Urban Fuckups, die Ausstellung von Francesca Gabbiani in der Galerie Gavlak im letzten Frühjahr. Mit ihren grossformatigen, zarten Collagen wirft die Schweizer Künstlerin einen poetischen Blick auf die urbanen Brachen von Los Angeles. Foto mit freundlicher Genehmigung der Künstlerin und von Gavlak Los Angeles. 

Die bis dato letzte Etappe in dieser unglaublich dynamischen Entwicklung ist eine spektakuläre Neugründung, eigentlich ein Museum, das die Brüder Marciano ihrer Kollektion gewidmet haben – und auch der Öffentlichkeit, denn der Eintritt ist frei. Über 1500 nach 1990 geschaffene Werke von aufstrebenden und etablierten Künstlern fanden ihre neue Heimat in einem ehemaligen Freimaurertempel, dessen Renovation hochinteressant ist. An der unveränderten Fassade sind noch die typischen Symbole zu sehen, und die tempelartige Atmosphäre im Inneren blieb dank der immensen Plafondhöhe und einer Grundfläche von 10 000 Quadratmetern erhalten. «Das ist auch passend», sagte Maurice Marciano, ebenfalls Member of the Board des MOCA, an der Eröffnung. «Diese Stätte dient der Verehrung der Künstler und ihrer überbordenden Produktivität in Los Angeles in den letzten zehn Jahren.» 

 

Die für diese Stadt so typische Offenheit und progressiven Werte spielen eine grundlegende Rolle, und die Institutionen nehmen ihre soziale Verantwortung sehr ernst, besonders im Kontext der aktuellen Politik. Das Getty organisierte letztes Jahr eine auf 70 Räume verteilte Schau, um die Beziehung zwischen der Stadt Los Angeles und ihrer Latino-Gemeinde auszuleuchten – nicht unwichtig in Zeiten, in denen sich so viele hier gegen die Politik des Weissen Hauses auflehnen. Die Marciano Art Foundation präsentiert diesen Herbst als Reaktion auf die globale Flüchtlingskrise eine grosse Ausstellung von Ai Weiwei, seine erste in Los Angeles. Der chinesische Superstar hat für die Black Box des Museums die Monumentalskulptur «Life Cycle» geschaffen. Dafür wurde eines dieser häufig in den Nachrichten gezeigten Schlauchboote mit den Techniken des traditionellen chinesischen Handwerks in Bambus reproduziert. Es soll neben weiteren Werken des Künstlers stehen, die sich mit der Redefreiheit sowie seinen anderen wiederkehrenden Themen befassen, etwa der Rolle des Individuums in der Gesell- schaft, mit geopolitischen Fragen und wirtschaftlichem und kulturellem Austausch. 

Life Cycle von Ai Weiwei, das anlässlich der Ausstellung in der Marciano Art Foundation erstmalig präsentiert wird, ist eine zur Skulptur gewordene Reaktion auf die globale Flüchtlingskrise. Das Werk stellt ein Schlauchboot dar, das wie ein traditioneller chinesischer Drache aus Bambus und Seide gebaut wurde. 

Das für 2019 vom Broad vorgestellte Programm zeigt sich ebenfalls engagiert: «Soul of a Nation: Art in the Age of Black Power 1963–1983», eine international renommierte Ausstellung, gefolgt von «Shirin Neshat: I Will Greet the Sun Again». «Diese beiden Ausstellungen verstärken unser Engagement für Künstler, die soziale und politische Thematiken erkunden», betont Joanne Heyler, Direktorin des Broad. «Mit ‹Soul of a Nation› erhält Los Angeles einen tieferen Einblick in die wichtigsten Arbeiten afroamerikanischer Kunstschaffender von der Civil-Rights-Ära bis Anfang der Achtziger. Sie zeigt die Werke verschiedener Aktivistengruppen und eine sehr lebendige Szene in Los Angeles. Neshats kraftvolle Arbeit befasst sich mit Fragen der Migration und des Exils sowie mit westlichen Vorurteilen über islamische Kulturen.» 


Kunstschaffende, Institutionen, Publikum und eine Vision: L.A. ist jetzt auch die Traumfabrik der Kunstwelt. Das LACMA erhält bald einen neuen, von Peter Zumthor entworfenen Flügel. Ausserdem wurde kürzlich angekündigt, dass die einflussreiche Messe Frieze zusätzlich zu New York und London eine jährliche Veranstaltung in Los Angeles plant: Die erste soll im März 2019 in den Paramount Studios stattfinden. Das ist von einiger Symbolkraft in einer Stadt, die nun endlich zeitgenössische Kunst und Filmwelt vereint und mit ihrer unerhörten kreativen Energie Bewegung in die Kulturszene bringt. 

Die Marciano Art Foundation präsentiert diesen Herbst die erste grosse Ausstellung von Ai Weiwei. In der imposanten Black Box sind um die zentrale Installation herum Skulpturen aus Bambus und Seide aufgehängt, die von mythischen Geschöpfen inspiriert sind. Ai Weiwei, «Lu», 2018. Foto mit freundlicher Genehmigung von Ai Weiwei Studio. 

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