L'Officiel Art

Aus Schönenwerd in die Welt hinaus

Die Geschichte von Bally ist reich, seine Schuhe und alles was damit in Verbindung steht, vom ersten Entwurf bis hin zu deren Verkauf, exemplarisch. Grund genug für das Museum für Gestaltung Zürich, dem Schweizer Schuhhersteller eine ganze Ausstellung zu widmen.
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The Subtle Art of Shoe Caring, aus Bally booklet, 2014, © Bally Schuhfabriken AG

Ein Regal, einem grossen Archivschrank anmutend, mit zweihundert der über 30’000 Schuhexemplaren aus dem Bally-Archiv bestückt. Es sind Schuhe aus der gesamten, rund 170 Jahre währenden Geschichte des Hauses. Alles in allem widerspiegeln sie die Entwicklung der Schuhe Ballys in Hinblick auf Materialien, Produktion und Design. Sie geben daneben aber auch einen Einblick in die vorherrschende Mode im Verlauf der Jahre und sind somit in gewisser Weise ebenfalls ein Spiegel des gesellschaftlichen Wandels.


Das Regal ist das erste ins Auge fallende Objekt der Ausstellung mit dem doppeldeutigen Titel „Bally – Das Geschäft mit dem Schuh“ im Zürcher Toni-Areal.  Mit ihr werden über achthundert Elemente des Bally-Archivs gezeigt, eingebettet sind diese in eine raffinierte, blaurote Szenerie. Diese entspricht einer kleinen Stadt, innerhalb welcher den Besucherinnen und Besucher die sechs Themenbereiche „Firma“, „Werbung“, „Mode“, „Verkauf“, „Funktionalität“ sowie „Fabrik“ in Hinblick auf Bally nähergebracht werden. Jeder dieser Bereiche ist von vielerlei Windungen und Wendungen geprägt. In ihrer Gesamtheit erzählen sie schliesslich von einer bewegten Unternehmensgeschichte zwischen Erfolg und Fehlschlag. So etwa von der Firmengründung in Schönenwerd durch Carl Franz Bally und wie das Familienunternehmen in den Besitz der JAB Holding überging, von der Werbung mit Broschüren und Plakaten bis hin zu digitalen Kampagnen und davon, wie die Produkte schliesslich weltweit an die Frau und den Mann kamen und immer noch kommen.

Genauso zeigt die Ausstellung auch auf, wie die Schuhe, aber auch Accessoires und Kleider erst einmal designt und produziert wurden – und heute werden –, und wie die Ergebnisse teils unterschiedlicher nicht sein könnten. Denn gleichermassen wie etwa modische und besonders prächtige Schuhmodelle, zählt auch zweckmässige, robuste Fussbekleidung wie solche fürs Wandern, Militär oder Skifahren zu all den seit jeher von Bally produzierten Schuhe.

Trotz der weit zurückgehenden und vielfältigen Historie Ballys gelingt es dem Museum für Gestaltung Zürich mit „Bally – Das Geschäft mit dem Schuh“ ein schlüssiges Bild dessen Werdegangs zu vermitteln und diesen nachvollziehbar mit dem geschichtlichen Kontext in Beziehung zu setzten. Gar nicht so einfach, gerade auch in Hinblick auf das reichhaltige, schwer überblickbare Firmenarchiv und den daraus resultierenden Möglichkeiten. Doch die Ausstellungskuratorin Karin Gimmi meint dazu: „Wir hatten das Gefühl, schnell zu wissen, über was wir sprechen möchten – sowohl über Mode als auch über Produktionsaspekte. Anschliessend wollten wir ins Archiv und entsprechende Objekte heraussuchen. Dort haben wir eine fantastische Situation angetroffen, da wir vieles vorfanden, das noch gar nie gezeigt wurde.“ Nach dem Archivbesuch seien sie und ihre Mitarbeitenden in die Recherche eingestiegen, wodurch sich die Mikrothemen, welche der Ausstellung einen Rahmen geben, beinahe wie von selbst herausbildeten.


Aufgrund der sich daraus ergebenden Vielschichtigkeit ist „Bally – Das Geschäft mit dem Schuh“ nicht nur für Mode- und Schuh-Liebhaberinnen und -Liebhaber interessant, sondern auch für Design-, Produktions-, Wirtschafts-, oder Geschichts-Interessierte, wie auch für Personen, die eine ganz persönliche Verbindung zu Bally hegen. Zu Letzteren zählt auch Gimmi, welche seit Kindheitstagen von Bally begleitet wird: „Als Kind bekam ich Bally-Schuhe von meiner Grossmutter, zu denen ich mir damals noch wenig gedacht habe. Später hatte ich sehr schöne Schuhe und eine Tasche von meiner Mutter, wozu ich mir schon sehr viel überlegte.“ Nun, durch die intensive Beschäftigung mit dem Unternehmen im Rahmen der Ausstellung, habe sich ihr Bild davon merklich verändert: „Die Wertschätzung für die Produkte ist sehr stark gewachsen.“ Zwar findet sie, dass ihm in modischer Hinsicht nicht immer alles gleich gut gelungen ist, aber „das ist ja selbstverständlich über all die Jahre hinweg. Ich glaube auch, dass Bally noch auf einem Weg ist, auf dem es noch zwei, drei Schritte weitergehen könnte. Zwischen all den anderen Luxusmarken zu bestehen und eine eigene Identität zu finden ist aber auch nicht einfach – ich denke jedoch, dass es sich dabei auf dem richtigen Weg befindet.“ Auf diesem Weg ist aktuell die Heraushebung der „Swissness“ der Marke besonders präsent, vor allem im asiatischen Raum. Diese ist jedoch wohl primär als überzeugendes Verkaufsargument wie auch als Mittel zur pointierten Betonung der Qualität der Produkte zu sehen. Denn schliesslich ist Bally längst ein absolut internationales Modehaus.

„Bally – Das Geschäft mit dem Schuh“, noch bis zum 11. August 2019 im Museum für Gestaltung Zürich, Toni-Areal, Pfingstweidstrasse 96, Zürich.

museum-gestaltung.ch

 


Bild: Raffinerie AG für Gestaltung, Bally – Das Geschäft mit dem Schuh, Ausstellungsplakat, 2019, © Raffinerie AG für Gestaltung 


 

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