Be Well

Rebell-Art

Tattoos haben sich vom Totem übers Stigma zur anerkannten Körperkunst gemausert. Ob als Ausdruck von Freiheit, Individualismus oder Rebellion – Hauptsache, der Fehlerteufel bUleibt der permanenten Tintenkunst fern.
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Erin Wasson, unser Covermodel der L'OFFICIEL Schweiz N°36, hat sechzehn Tattoos – darunter die Nummer 2091905, ein indianisches Symbol, den Satz "this heart will start a riot in me" und eine Feder. Damit ist sie unter der Crème de la Crème der Models nicht allein. Was früher ein No-Go war auf dem Laufsteg, gehört jetzt fast schon zum guten Ton, denn heute sind erfolgreiche Models aussergewöhnliche Typen – und Rebellen, Underdogs und Individualisten zieren grosse Werbekampagnen. Auch auf den roten Teppichen in Hollywood sieht man überall Tätowierungen, von Angelina Jolie über Selena Gomez bis hin zu Victoria Beckham und ihrem Göttergatten. Aber aufgepasst: Als er sich ihren Namen auf Hindi tätowieren liess, kam dabei Vihctoria heraus. Doch damit ist er nicht allein. Sitcoms wie "How I Met Your Mother" oder Doku-Soaps wie "Horror Tattoos" dokumentieren diese Fauxpas mit Humor.

Autsch, denn es ist nicht nur kostenintensiv und zeitaufwendig, sondern auch schmerzhaft, die gestochenen Kunstwerke mittels Picto-Laser wieder entfernen zu lassen. Je nach Grösse und Farbe dauert es zwei bis zwanzig Sitzungen. Bereits das Tätowieren mit einer Tätowiermaschine ist mit Leiden verbunden. Schliesslich sticht die Tattoo-Nadel präzise bis zu 150-mal pro Sekunde in die Haut – und damit Tätowierungen permanent bleiben, müssen die Farbpigmente durch die Epidermis bis in die Lederhaut gestochen werden. Das Grundmodell einer solchen Maschine geht auf den amerikanischen Erfinder Thomas Alva Edison (1877) zurück, der das Gerät eigentlich zum Gravieren von Gegenständen entwickelt hatte. Samuel O’Reilly baute es um und liess sich seine Tattoo-Gun 1891 patentieren. Davor musste man wortwörtlich Hand anlegen, und so waren auch die Techniken eher brachial. Bereits 12 000 v. Chr. wurden Zeichen in die Haut geritzt und Asche in die Wunden gestreut. Die Inuit verwendeten russige Fäden, was eine narbenähnliche Markierung hinterliess. Auf Samoa verwendete man eine kammähnliche Hacke aus Menschenknochen, während auf Tahiti spitze Knochen oder Haifischzähne benutzt wurden. Die Maya und Azteken behalfen sich mit Dornen oder Kakteenstacheln, und die Maori in Neuseeland verwenden bis heute ein meisselähnliches Holzinstrument. 

Eine Besonderheit sind auch die japanischen Tattoos, die Irezumi. Traditionell wurden sie mit der Tebori-Technik mit einem Bambusstock tätowiert. Diese Technik erfährt im Kultfilm "The Pillow Book" (1996) übrigens eine spezielle Würdigung.


Tattoos spielen seit jeher und in vielen Kulturen rund um den ganzen Globus eine wichtige Rolle in Bezug auf kultische Rituale und Zugehörigkeiten. Sie sollen wie ein Totem vor Leiden oder Krankheiten schützen oder innerhalb von Stammesritualen eine Clan-Zugehörigkeit symbolisieren. Das älteste bis heute erhaltene Tattoo stammt von "Ötzi", dem Steinzeitmenschen. Den circa 5 500 Jahre alten Körper zieren fünfzig Tätowierungen entlang der Akkupunkturlinien. Tattoos waren auch bei den Ägyptern und den Kelten der Eisenzeit eine beliebte Körperkunst. Doch bereits für die Griechen und Römer galten sie als barbarisch und waren eine Schandmarkierung für Sklaven und Ausgestossene. Im christlichen Mittelalter waren sie als Zeichen heidnischer Praxis sogar verboten. Erst, als sich die grossen Entdecker aufmachten, die Welt zu erobern, tauchten Tätowierungen im Bewusstsein der Europäer wieder auf. Der britische Seefahrer James Cook beschrieb 1771 die Körperbemalungen der Einge- borenen von seinen Reisen nach Polynesien und soll das Wort "tattoo" in die englische Sprache eingeführt haben. Ab dann wurden Tattoos von Seeleuten, Soldaten, fahrenden Händlern und Abenteurern getragen und als anrüchig angesehen. Erst Mitte des 20. Jahrhunderts führten die Sub- und Jugendkulturen der Rocker, Hippies und Rebellen einen gesellschaftlichen Wertewandel herbei, der Tattoos vom Stigma zum Freiheitssymbol umdeutete.
 

Die Motive und Stile unterliegen diversen Trends und Vor- lieben. Tränen am Augenrand oder Spinnen am Hals waren sehr beliebt bei Sträflingen. In den 90er-Jahren dominierten Tribals oder Ibans. Ab dem Jahr 2000 erlebten Old-School-Motive wie Stern, Herz, Anker und Kreuz ein Revival. Auch Ganzkörpertattoos (Stichwort Zombie-Man) erfreuen sich immer grösserer Beliebtheit. Mittlerweile greift selbst die Kosmetikindustrie den Trend auf und bietet etwa (abwaschbare) Lippentattoos an.
 

Immer mehr Menschen tragen Tattoos. Eine Studie der Uni Leipzig bestätigt, dass der Trend nicht versiegt, und schätzt, dass jeder fünfte Deutsche tätowiert ist. Tätowierstudios findet man fast in jedem Dorf. Und obwohl Tätowierungen schon länger zum Mainstream gehören, schwingt der Mythos des Rebellen wie Morgennebel über der Ink-Art. Geht der Trend weiter, sind bald die Untätowierten in der Minderheit – und vielleicht die echten Rebellen. 

 

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