Be Well

Giada Ilardo: "Ich bin eine toughe Frau."

Mit 16 behauptete sie, sie sei 18. Nicht etwa, weil sie sich in eine Disco reinschmuggeln wollte. Nein, sie schummelte sich älter, um in ihrem ersten eigenen Studio andere Menschen zu tätowieren und zu piercen. Es war keine wilde Teenager-Träumerei, sondern ein Masterplan. "Ich wusste immer, dass ich anders bin – und ich wusste, dass ich etwas Grosses schaffen wollte." Gesagt, getan. 17 Jahre später ist Giada Ilardo mit ihren fünf Giahi-Shops die Schweizer Tattoo-Queen schlechthin.
Reading time 5 minutes

Um das künstlerische Talent der Tochter zu schmieden, schickte die alleinerziehende Mama Giada als 15-Jährige in ein Kunstgymnasium nach Ligurien. Obwohl sie zu den Klassenbesten gehörte, brach sie die Ausbildung ab: "Ich habe mich furchtbar einsam gefühlt", gibt sie unumwunden zu. So kam sie zurück in die Schweiz, suchte ohne viel Motivation nach einer Lehrstelle und fand schliesslich eine Fortbildung im Bereich Tattoo und Piercing in St. Gallen. "Auch hier war ich Klassenbeste und spürte sofort: Das ist mein Ding!" Die Mutter intervenierte trotz oder gerade wegen des Alters ihrer Tochter kaum und liess Giada im Zürcher Stadtteil Altstetten ein erstes eigenes Studio eröffnen – mit der Hilfe ihres damaligen – volljährigen – Freundes: "Ich erinnere mich, als wäre es gestern gewesen. Ohne Geld – mit nur 1000 Franken von meiner Mutter als Startkapital. Wir haben den Boden selber reingelegt, zwei Monate lang renoviert, und ich weiss noch, wie unglaublich das war, als die ersten Kunden mein Studio betraten." Um keinen der neuen Kunden zu verschrecken, erzählte sie kurzerhand, sie sei schon 18. War sie denn nicht nervös bei ihren ersten Kunden? "Nein! Überhaupt nicht!" Wer keine Zweifel zulässt, ob der eingeschlagene Weg der richtige ist, verjagt auch jeden Hauch von Unsicherheit. Giadas erste Arbeit war ein Drache am Arm. "Schön war vor allem, dass die Leute an mich geglaubt haben. Das war ein unglaubliches Gefühl für mich!" 

Inzwischen ist Giada Ilardo 34 Jahre alt, besitzt in der Region Zürich fünf Studios und beschäftigt 40 Angestellte sowie 30 Untermieter – unter ihnen auch international renommierte Tattoo-Artists. Wachstum ist Programm bei der 34-Jährigen. "Es war immer klar, dass ich das mit dem Ziel mache, es gross aufzuziehen. Stehenbleiben ist nichts für mich." Wenn man ihr so zuhört, könnte man denken, dass im Leben der selbstbewussten Businesslady immer alles wie am Schnürchen läuft. Doch auch sie kennt dunkle Stunden, zermürbende Selbstzweifel und Gedanken an die Geister, die man rief und nun nicht mehr loswird. "Es gab immer wieder Momente, in denen ich mich selbst gefragt habe: Was mache ich überhaupt? Ist das wirklich das Richtige? Will ich so viel Verantwortung für all diese Mitarbeiter? Gerade als wir den Laden in Winterthur an bester Lage eröffneten, war ich mit Baubewilligungen, Bauleitern, Architekten konfrontiert – das hatte ich total unterschätzt. Ich hatte das Gefühl, dieses Ding ist grösser als ich, und es gab viele schlaflose Nächte. Aber ich habe mich zusammengerissen und das Ruder wieder in die Hand genommen." Giada hat nie eine Universität von innen gesehen, ihre Worte sind geprägt von grossem Pragmatismus. Selbst wenn sie über ihre dunklen Stunden erzählt, wirkt sie analytisch und überrascht mit einer Klarheit, die an Abgeklärtheit grenzt. Sie ist wohl das, was man eine Selfmade-Unternehmerin nennt. In einfachen Verhältnissen aufgewachsen, hat sie sich alles selbst beigebracht, sich stets selbst finanziert – und dabei jede Menge Cleverness bewiesen. 

"Ich bin auch ein Produkt meiner Geschichte – ich musste so oft auf die Zähne beissen und mich durchkämpfen, gerade in dieser Männerdomäne und natürlich auch speziell als junge Frau, die hier etwas bewegen will."

Heute sieht sie sich als Vollblutunternehmerin mit künstlerischer Seele. "Ich tätowiere nur noch privat Freunde oder spezielle Kunden." Es tue ihr gut, ständig dazuzulernen und zu wachsen. Bislang gelang ihr die Expansion ohne Investor und fremdes Kapital. "In 17 Jahren Selbstständigkeit fünf Läden aufzumachen, ist ein sehr langsames Wachstum", ergänzt sie.

Was Giada Ilardo unbestritten geschafft hat, ist Tattoos und Piercings von der schummrigen Hinterhofatmosphäre in ein offenes, hippes Lokal zu übertragen, in dem man auch jede Menge Accessoires kaufen kann. Sie selbst ist mittlerweile eher die grosse Strategin im Hintergrund. Sich auf Instagram oder an anderen Orten gross zu inszenieren, ist nicht ihr Ding. Auf die Frage, wie Männer denn auf sie reagierten, antwortet sie nur zögerlich: "Da ich seit zehn Jahren in einer festen Partnerschaft bin, achte ich nicht wirklich darauf, wie Männer mich anschauen. Aber als ich meinen heutigen Partner kennen lernte, trug ich lange Hosen, ein langärmliges Shirt, und er meinte irgendwann nebenbei, dass er tätowierte Frauen nicht so wirklich sexy findet." Sie lacht schallend. "Später sagte er, die Tattoos gehörten so sehr zu mir, dass er sie nie wirklich als solche wahrgenommen habe."

Was ist ihr Erfolgsrezept? Dass sie zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort war? Dass Stars wie Limp Bizkit bei ihr vorbeischauen? Sie eine Kollaboration mit Montblanc vorweisen kann? Dass DJs und Tattoo-Artists die neuen Rockstars sind? Sicher. Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Der Kern ihres Erfolgs ist ihre Authentizität. "Menschen, die mich kennen, würden vermutlich sagen, dass ich tough bin. Ich bin kein zartes Wesen und wirke auch nicht so. Ich weiss, wo ich hinwill, was für mich richtig ist. Ich bin ja auch ein Produkt meiner Geschichte – ich musste so oft auf die Zähne beissen und mich durchkämpfen, gerade in dieser Männerdomäne und natürlich auch speziell als junge Frau, die hier etwas bewegen will ... das prägt einen." Man glaubt ihr, was sie sagt – und nimmt ihr ab, was sie tut.

 

www.giahi.ch

 

 

Image Credits:
ZVG

 

Ähnliche Beiträge

Vorgeschlagene Artikel