Woman

Feminismus für alle?

In den USA war «Feminismus» im Jahr 2017 laut dem Wörterbuch-Verlag Merriam-Webster das am meisten gegoogelte Wort. Angesichts der Aktualität der Thematik durch die #MeToo-Bewegung und einen offensichtliche Frauenverachtenden Präsidenten erstaunt dis nicht. Der Feminismus erlebt einen Aufschwung - in der sozialen und politischen Debatte, in der Filmindustrie und der Modewelt, auf den roten Teppichen und in den sozialen Medien. Und wird auch von Leuten vertreten, bei denen man genauer hinschauen muss, um ihre Haltung gegenüber der Bewegung zu verstehen.
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Emily Ratajkowski ist eine der umstrittensten Feministinnen unserer Zeit. 2013 rückte sie durch Robin Thickes Musikvideo zu «Blurred Lines» zum ersten Mal ins Rampenlicht. Darin hüpft sie mit Schmollmund und oben ohne zur Musik herum, neben vollständig bekleideten Männern. Danach ging es für die Amerikanerin steil die Karriereleiter hoch: Sie wurde für die Covers verschiedener Zeitschriften abgelichtet, spielte in einigen Filmen mit und läuft seit 2015 für die grossen Modelabels über den Laufsteg. Zudem ist sie Designerin ihres eigenen Bademode-Labels, in dessen Teilen sie auf den meisten ihrer Instagram-Posts zu sehen ist. Sich selbst beschreibt Ratajkowski auf ihrem Profil wie folgt: Model, Schauspielerin, Feministin, Designerin. Beim dritten Wort stolpert man ein wenig: Viel nackte Haut, verpixelte Nippel und ihr Po stehen im Fokus ihres Instagram-Feeds. Kann frau machen. Aber wie passt das zu ihrem Selbstverständnis als Feministin? In einem Interview mit der Modezeitschrift «Marie Claire» im Mai dieses Jahres bringt sie dies in zwei Sätzen auf den Punkt: «(Feminism) is freedom of choice. Do what you feel like.» Feminismus ist Entscheidungsfreiheit. Tu, worauf du Lust hast. Ähnliche Aussagen, oft damit verbunden, über die Darstellung des eigenen Körpers und seiner Sexualität frei entscheiden zu können, hat man auch schon von anderen Stars wie Kim Kardashian oder Kylie Jenner gehört. Unumstritten haben sie ein Recht darauf, mit ihrem Körper tun und lassen zu können, was sie möchten. Doch es lässt einen das Gefühl nicht los, dass sich die Ideologie und ihr Auftreten beissen. Um dem nachzugehen, werfen wir einen kurzen Blick in die Entstehung und die zeitgenössische Entwicklung des westlichen Feminismus – ohne Anspruch auf Vollständigkeit. 

 

Die Französin Olympe de Gouges erlebte Ende des 18. Jahrhunderts die Französische Revolution mit und nahm aktiv an ihr teil. Doch rasch musste sie feststellen, dass sie aufgrund ihres Geschlechts nicht zu denjenigen gehörte, die von ihren Auswirkungen profitieren würde. Denn obwohl die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte für «égalité», Gleichheit, sorgen sollte, sicherten darin 17 Artikel dem Mann weiterhin Vorteile zu. Gegen diese Ungerechtigkeit erhob sie ihre Stimme und stellte diesen Artikeln im Jahr 1791 je ein ausgleichendes Frauenrecht gegenüber. Ihre berühmteste Forderung lautet: «Die Frau hat das Recht, das Schafott zu besteigen; sie muss gleichermassen das Recht haben, die Tribüne zu besteigen.» Ironischerweise erlebte sie nur die Umsetzung des ersten Rechts. Auf die «Tribüne» gehoben wurde sie erst durch ihre Nachfolgerinnen, lange nachdem ihr Blut von der Guillotine gewaschen wurde. De Gouges legte mit ihren Forderungen und ihrem Aufbegehren gegen die gesellschaftlichen Normen den Grundstein für eine erste Generation von Feministinnen. Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts standen diese für ihre Rechte ein. Sie forderten das Frauenwahlrecht, das Ende der zivilrechtlichen Vormundschaft des Mannes, Lohngleichheit und Zugang zu Universitäten sowie zu allen Berufen und Ämtern. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatten sie mit diesen Punkten vielerorts Erfolg. Doch nach einer folgenschweren Weltwirtschaftskrise und zwei Weltkriegen wurde die Bevölkerung in ihre traditionellen Rollen zurückgewiesen, von denen man sich Sicherheit und Stabilität erhoffte. Auch wenn die Frauen während des Krieges grösstenteils allein zuhause waren und die Arbeiten des Mannes übernehmen mussten, wurde sie in die Küche gescheucht und ihrem Leben das Ziel verordnet, eine gute Hausfrau und Mutter zu sein. In dieser Zeit war die Frau in vielerlei Hinsicht gefangen. Gefangen im Bild der Gesellschaft, wie eine Frau zu sein hat. Gefangen in einer Ehe, in welcher der Mann die politische und soziale Macht besass und sie für die Erfüllung der «ehelichen Pflichten» sorgen musste. Gefangen in der Einsamkeit der eigenen vier Wände, am Kochherd, in der ständigen Beaufsichtigung der Kinder. Die Frau hatte sich dieser Struktur unterzuordnen. Sie war schliesslich «das andere Geschlecht». 


Das gleichnamige Buch von Simone de Beauvoir erschien vier Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs und zeigte einen sozialen Missstand auf – nämlich, dass der Mann als die Norm und die Frau als dessen Abweichung betrachtet wird –, der für die weitere Entwicklung des Feminismus entscheidend war. Die von der patriarchalen Gesellschaft verursachte Unterordnung der Frau wurde aufgedeckt; nun galt es, diesen Missstand zu beheben. Frauenbewegungen und organisierte Gruppen mit politischen Zielen formierten sich. Diese Bewegung unterschied sich von der ersten Welle im Ausmass der Forderungen an die Gesellschaft – Selbstbestimmung über die eigene Sexualität, das Aufheben konservativer Familienstrukturen, gleiche Arbeits- und Weiterbildungschancen, Legalisierung der Abtreibung sowie soziale und politische Gleichheit von Frau und Mann – und in den immer grösser werdenden und besser organisierten Frauengruppen und wird dementsprechend als die zweite Welle des Feminismus bezeichnet. Gegen Ende des 20. Jahrhunderts veränderte die Globalisierung das Leben der Menschen in vielen Bereichen. Auch der Feminismus blieb nicht unberührt. Frauen schlossen sich international zusammen und das Problem der Ungleichheit blieb nicht länger eine regionale Angelegenheit. Gerade die neue Möglichkeit der Mediennutzung, besonders des Internets, gab jenen Personen eine Stimme, die zuvor von den grossen Massen übertönt worden waren. 


So auch Rebecca Walker, eine (damals) junge, bisexuelle Afroamerikanerin aus Mississippi, die den Begriff und die Bewegung des «third-wave feminism» stark prägte. 1992 erschien im Magazin «Ms.» als Antwort auf die aufwühlenden Ereignisse zu Beginn der 90er-Jahre ihr Artikel mit dem Titel «Becoming the Third Wave». Symbolisch steht Walker für eine Generation junger Frauen, die genug davon hatten, dass der Feminismus hauptsächlich von weissen, privilegierten Frauen getragen wurde und so meist auch nur deren Sicht vertrat. In der Folge war eines der Hauptanliegen der Dritten Welle, die feministische Bewegung für alle Frauen zu öffnen, egal welcher Herkunft, Nation und Religion sie angehören. Auch setzte sich die neue Generation für das Aufheben von Stereotypen ein. Eine Frau solle nicht in eine Rolle passen müssen, sondern sich selbst sein können – in ihrer Lebensführung, ihrem sozialen Umfeld und ihrer Sexualität. Ausdrücke wie «girl power» und «sex-positivity» kamen auf und aus den bereits bestehenden Ästen des Feminismus sprossen neue Triebe. Wichtig war und ist: Feminismus sorgt sich um das Recht jeder Frau. Das Recht auf soziale, politische und ökonomische Gleichstellung der beiden Geschlechter. Zurzeit befinden wir uns in den Nachwehen der Dritten Welle des Feminismus. Vieles muss noch errungen werden, wie die Nachrichten aus Hollywood und dem Weissen Haus zeigen. Es geht immer zwei Schritte nach vorn, in die richtige Richtung, und wieder einen zurück. Wir sind mitten im Gefecht. 
 

Und in diesem Gefecht bewegen sich auch Emily Ratajkowski und Kylie Jenner. Instagram kann sich vor ihren schmollmündigen Selfies und für die Kamera räkelnden Körpern in hautenger oder nicht vorhandener Kleidung nicht retten. Über Jahrhunderte hinweg kämpften Frauen für die Selbstbestimmung ihrer Sexualität und damit auch für die Freiheit, mit ihrem Körper tun zu dürfen, was sie wollen. Also sollte die Selbstdarstellung von Ratajkowski und Jenner eigentlich kein Problem sein. Doch die «selbst gewählte» Darstellung ihrer Körper ist und bleibt von einer Gesellschaft geprägt, die sich an den Bedürfnissen der Männer orientiert. Ihre Posen und ihre unschuldigen Blicke aus grossen Augen entspringen der Pornoindustrie, in der, wie man weiss, Frauen meist alleiniges Mittel zum Zweck sind und als unterwürfig und schwach dargestellt werden. Die Frage, welchen Unterschied es macht, ob man aus zweiter oder dritter Hand zum Objekt gemacht wird oder sich selbst so präsentiert, lassen wir an dieser Stelle offen. Zudem vermittelt der (Online-)Auftritt dieser Stars ein weiteres, längst überholtes Frauenbild: Frauen müssen jederzeit sexy sein – woraus folgt, dass Frauen jederzeit gefallen müssen. 


Müssen sie nicht. Frauen dürfen alles sein, was sie wollen. Womit wir wieder am Anfang sind. Was jedoch eindeutig gegen Frauen wie Ratajkowski spricht, ist, dass sie sich des Feminismus allein zu ihrem Nutzen bedienen. Ihr Feminismus zeigt keine Veränderung. Diese «Feministinnen» nehmen sich lediglich, was ihnen passt, und machen es sich zu eigen. Dass dies in der gegenwärtigen Situation fast schon sarkastisch wirken kann – angesichts von #MeToo, ständigen Vergewaltigungsstorys in den Medien, Politikern, die gegen die Abtreibung arbeiten –, scheint ihnen egal zu sein. Ihre Vorstellung des Feminismus kann nur eine oberflächliche sein. Der Verdacht liegt nahe, dass sie sich diesen «Trend» nicht entgehen lassen wollen, die Idee dahinter jedoch nicht wirklich begreifen. 

 

Dennoch wäre es falsch, ihnen den Feminismus abzusprechen, da es dessen Ziel ist, für alle offen zu sein. Und nochmals: Niemand kann ihnen vorschreiben, wie sie mit ihren Körpern umzugehen haben. Denn dieser feindselige Blick auf ihre freizügige Selbstdarstellung ist weniger ein Beweis dafür, dass wir ihnen moralisch überlegen wären, sondern widerspiegelt eine Gesellschaft, in der die Frau als Sündenbock dafür hingestellt wird, was das Patriarchat angerichtet hat. Dem weiblichen Geschlecht wird von klein an beigebracht, zu gefallen. Woran wir erkennen, ob wir gefallen? An der Reaktion unserer Mitmenschen – grösstenteils der männlichen. Wie sie uns wahrnehmen, ist unter anderem davon abhängig, wie ihr Frauenbild von den Medien – Fernsehen, Social Media, Pornos – geprägt wird. Wenn Emily und Konsorten sich also so präsentieren, wie es diese weitverbreitete Darstellungsweise der Frau sie gelehrt hat, kann man ihnen nicht vorwerfen, damit gegen den Feminismus zu sein, sondern höchstens, dass sie sich (noch) nicht von diesem Frauenbild befreit haben. 
 

Am Ende ist entscheidend, ob sie etwas zum Feminismus beitragen, und das tun sie. Nicht auf dieselbe Weise wie Olympe de Gouges, Simone de Beauvoir oder Rebecca Walker, die als Vorbilder und Wortführerinnen viele Frauen weiterführten. Vielmehr bringen sie sich in eine Kontroverse ein, in der frau und man sich neu damit auseinandersetzen muss, wie mit dem eigenen Körper umgegangen werden darf. Und dass dieses Thema – für jedes Geschlecht – noch lange nicht abgeschlossen ist, offenbart sich allein in der Tatsache, dass so viel Wirbel um ihr Äusseres gemacht wird. Ob man Emily Ratajkowski nun als Feministin betrachtet oder nicht, klar ist, dass sie mit ihrem – für Feministinnen – unkonventionellen Auftreten etwas zur Debatte beiträgt. Und wie sähe der Feminismus heute aus, wenn sich alle immer und überall auf eine Meinung geeinigt hätten? Auf jeden Fall nicht so bunt, wie wir ihn heute kennen. 

Collage:
ANNIKA HÄNNI

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