Es war mitten im Sommer. Um uns herum «gelati» und «palazzi», sandige Sonnencremetuben, der Duft von Feigenbäumen. Doch im Zentrum der Aufmerksamkeit stand etwas ganz anderes. Diese wurde erregt von einem blau-rot-gelben Rucksack, glitzernd, wunderbar schrill, darauf Spiderman im Gleitflug. Ein absoluter Horror, wie ihn sich nur die Hersteller der bizarrsten italienischen Spielwaren ausdenken und wie ihn nur Kinder zutiefst lieben können. Antoine, vier Jahre alt, hatte zufällig im Labyrinth der italienischen Strassen seinen Thek für den ersten Schultag gefunden. Vielleicht erinnern Sie sich an die pure Magie der leeren Hefte immer wieder zu Schulanfang, den Duft der neuen Stifte. Einem Thek, diesem für den ersten Schultag unerlässlichen Ausrüstungsgegenstand, wohnten tausenderlei Verheissungen für die Zukunft inne. Ähnlich wie den Weizenkörnern, dank derer Robinson Crusoe einige Jahre später allein auf seiner Insel Brot herstellen konnte. Und wie eine bessere, edlere Version unserer selbst, die den gesamten Raum erfüllte, den unsere Träume sich ausmalen konnten, und alles verkörperte, was hoffentlich nach dem Schulbeginn aus uns werden würde. Daran erinnere ich mich recht gut. Der ganz besondere Geruch von Schreibwaren, Tinte und Papier, der einem, wie die Meeresgischt dem Matrosen, neue Horizonte verhiess. Ein neues Etui, ein neuer Thek (erinnern Sie sich vielleicht noch an die mit Kuhfell? Ach, Sie sind zu jung. Aber lassen Sie sich gesagt sein, dass Ihre Kinder Sie eines Tages auslachen werden, weil Sie sich an iPads erinnern), eine Liberty-Bluse oder ein Paar Mokassins. Ein Gegenstand, dem die Idee eines neuen Ichs innewohnt, das durch eine Mischung aus magischem Denken und sturer Arbeit schliesslich Wirklichkeit werden würde. Es war ja schon da, man musste es nur noch enthüllen und ihm mittels eines Kleidungsstücks oder eines Gegenstands etwas näherkommen.
Dieses Repertoire des Ichs, diese Erweiterung der Kampfzone, diese intime, in Dur gespielte Partitur, begleitet uns noch heute zu Schulbeginn oder am Neujahrstag mit Wünschen und Vorsätzen. Die Sorgfalt, mit der wir unsere Kleider für den ersten Schultag wählen – unterscheidet sie sich so sehr davon, wie wir unsere Garderobe für den Einstand im Büro aussuchen? Beim Aussuchen seiner Herbstsachen hat man die beste Gelegenheit, einmal zu überprüfen, wie man sich selbst präsentiert. Als ich kürzlich mit einer Freundin beim Abendessen sass, hörte ich mich selbst sagen: «Ich habe meine Uniform gefunden. Eine Jacke und eine Jeans von Saint Laurent mit T-Shirt. Das könnte ich jeden Tag und überall anziehen.» Und das wollte sie natürlich auch. Wie die meisten Menschen wollte sie morgens vor dem Schrank nicht zu viele Entscheidungen treffen müssen. Sie wollte sich nur schnell ein Kleidungsstück greifen, das ihrer Persönlichkeit besonders entspricht. Nein, noch besser: ein Kleidungsstück, das genau dem entspricht, was man der Welt von sich präsentieren möchte. Eine Uniform, die jede Mauer durchlässig macht, wie wenn Kinder sich verkleiden und mit wehendem Cape zu Superhelden werden.
Der Schulbeginn, Neujahr und jeder Montag: all diese willkürlichen Neuanfänge, die uns ein wenig mehr als sonst glauben machen, dass eine Verwandlung des Ichs möglich sei. Natürlich ist eine Uniform kein Ziel an sich und auch keine definierte Schwelle. Sie ist nur das Mittel zum Zweck und Symbol einer Mission, eines Übergangs. Wozu dient die Kleidung, wenn nicht dazu, uns an Orte zu versetzen, an denen das Leben wieder zu seinem Recht kommt? Dass es tausende Uniformen, tausende Repräsentationsweisen des Ichs gibt, vom Superheldenumhang bis zur Saint-Laurent-Jacke, liegt daran, dass die Wunschidentität vielfältig, formbar und mehrgestaltig ist, immer (und meist unbewusst) beeinflusst davon, was wir von uns selbst und unserer Umgebung denken. Von dem, was wir lieben, wen wir lieben und wie wir geliebt werden möchten. Und vor allem, wie wir die Welt prägen möchten. Sich Kleider anzuziehen, heisst natürlich nicht, echt jemand anderes zu werden. Doch damit beginnt man, sich eine eigene Identität zu schaffen. Es ist ein kleiner Schritt im grossen Reigen der Erscheinungsbilder, die in der Philosophie und Literatur schon immer eine wichtige Rolle gespielt haben und zur Hauptlehre Platons gehören. Doch zwischen dem Sein und dessen symbolischer Darstellung besteht eine Verbindung. Die Amerikaner bringen es in diesem populären Spruch ganz gut auf den Punkt: «Fake it till you make it.» Sich für jemanden zu halten, was ja oft verpönt ist («Für wen hält er/sie sich eigentlich?»), ist in Wahrheit ziemlich nützlich. Weil man sich für fähig hält, am Spiel teilzunehmen, egal, was oder mit wem gespielt wird, und weil man langsam die Tanzschritte versteht. Diese in verschiedenen Formen und unter diversen Bezeichnungen geläufige Technik wenden auch viele Coaches an, sei es nun im Sport oder der Persönlichkeitsentwicklung. Sie besteht schlicht darin, sich selbst (als Gewinnerin) in eine Situation hineinzudenken, die man meistern möchte. So funktioniert auch die Coué-Methode mit all ihren Varianten, die regalweise in den Buchhandlungen stehen und unglaublich erfolgreich sind. Sie sagen uns nichts anderes als: Sie können es schaffen. «Just do it!» Und um es zu schaffen, sollten Sie nach einer Methode vorgehen (am besten einer mit weniger als zehn Schritten).

Ich für meinen Teil war für diese methodische Vorgehensweise nie besonders empfänglich. Viel eher habe ich durch meine Liebe zu fiktiven Figuren gelernt, wer ich sein möchte. Solchen aus Filmen natürlich, aber auch literarischen. Jeanne Moreau in «Jules et Jim» (und überhaupt alles von Truffaut), Claudia Cardinale in «Der Leopard», Margot in «Die Royal Tenenbaums», Meryl Streep in «Kramer gegen Kramer», Diane Keaton in «Der Stadtneurotiker», Ariane in «Belle du Seigneur» und viele andere mehr. Und auch Männer selbstverständlich! Mit einer klaren Vorliebe für Mafiosi, von Al Pacino in «Der Pate» bis Robert De Niro in «Mean Streets». Nur weil ich so sein wollte wie sie, weil ich ihr Leben, ihre Schlagfertigkeit, ihren Look, ihren Gang wollte, habe ich mich oftmals für eine ganz bestimmte Jeans, Tasche oder Bluse entschieden. Nicht aus Fetischismus oder naivität, sondern weil dieses Sich-für-jemand-anderen-Halten bereits die Möglichkeit zuliess, ihnen ein wenig näher zu kommen. Sich in eine Rolle oder einen Gemütszustand zu begeben, nach und nach eine Fiktion zu erschaffen. Es waren nicht nur diese Figuren, es war das gesamte Setting, die Atmosphäre, die Elektrizität, die sich aus dem grossen Ganzen ergab. Plötzlich war ich in Little Italy oder auf dem Montmartre unterwegs. Mein Schritt richtete sich nach der Tonspur eines Films, in den ich einige Wochen lang eintauchte, um mir nach einiger Zeit wieder andere Helden zu suchen, denen ich nacheifern konnte. Wo sind sie hingegangen, was ist aus diesen wunderbaren Freunden auf Zeit geworden? Ich habe sie verinnerlicht. Sie bilden die Schichten meiner heutigen Träume. Ich habe sie als Abkürzung genommen, um mir selbst und allen potenziellen Versionen meiner selbst immer näher zu kommen, all dem, was ich noch erleben und mir vor allen Dingen ausdenken werde. Aus genau denselben Gründen haben die Fotoshoots von Steven Meisel mich in endlose Träumereien versetzt. Mit ihrer narrativen oder bisweilen gar dramaturgischen Qualität waren sie noch besser als ein Film. Sie waren so geartet, dass ich anhand dieser Bilder, die andeuteten, aber nicht alles enthüllten, in meinem Kopf weiterskizzieren konnte. Ich werde mich immer an diese Nacht in einem Hotel in Florenz erinnern, wo ich «Der Totschläger» von Émile Zola zu Ende las und zufällig die Fotoserie «Dance Marathon» von Steven Meisel fand, der sich von «They Shoot Horses, Don’t They?» von Sydney Pollack inspirieren lies, darin zu sehen Kristen McMenamy, Naomi Campbell, Amber Valletta, Carolyn Murphy, Karen Elson, Shalom Harlow und Vincent Gallo. Dieser ästhetische Schock wird mir immer im Gedächtnis bleiben. Die irgendwie an Grunge erinnernde Atmosphäre (es war in den Neunzigern), die vor Müdigkeit verzerrten Gesichter, der Schweiss. Ich erinnere mich, das innerliche Schreien dieser Körper gehört zu haben, ein Echo meines eigenen heranwachsenden Körpers, des Körpers von Gervaise in «Der Totschläger», desjenigen all dieser Frauen und Männer, die in der verzweifelten Hoffnung, ihrer unüberwindbaren Einsamkeit zu entkommen, auf ihre vielen verschiedenen Arten tanzten.
Die Selbstwahrnehmung läuft ab wie ein Film. Genau der, den man beschliesst zu schreiben und in den man sich unbedingt hineinversetzen möchte. Ein Zusammenspiel der Gesten, Schreie und Posen, das einem erlaubt, sich in der Einmaligkeit des menschlichen Lebens wiederzuerkennen, auch wenn es viele Gesichter hat. Indem man diese verschiedenen Figuren, die man geliebt hat und denen man es gleichtun will, seinen Persönlichkeitsschichten hinzufügt. Zu jedem Neuanfang gehört eine neue Uniform. Neue Eroberungen, neue Helden. Noch besser als die Erweiterung des Ichs um neue Gebiete gefällt mir an diesem Prozess die Verschiebung, die ihnen Raum verschafft: indem man sich der Dinge entledigt, die einem nicht mehr entsprechen. Alles, was weggewischt wird, weil es nun überflüssig ist. Was in uns gelebt, uns durchdrungen und konstituiert hat, bevor es sich für das, was wir hier und jetzt sind, als unzureichend herausgestellt hat. Ordentlich Platz schaffen im Schrank, um nur noch die Garderobe zu behalten, die zu unserem heutigen Ich passt und somit dem von morgen. Sich kleiden, sich schmücken, sich herrichten: Das ist eine riesige weisse Leinwand, auf der sich jene realen oder fiktiven Figuren begegnen, deren Schicksal uns berührt hat. Wo wir wie in jedem künstlerischen Prozess – bei Aristoteles heisst es Mimesis – nachzuahmen beginnen. Es bedeutet, die Beziehung zwischen sich und seiner Umwelt so zu formen und gestalten, dass man dem, was man anstrebt, möglichst nahekommt. Zu versuchen, sein Aussehen und seine Persönlichkeit in eine möglichst enge Übereinstimmung zu bringen. Das heisst, zunächst einmal ähnlich auszusehen wie das, was man sein möchte, um es dann vollends zu werden. Etwas darzustellen, bevor man es verkörpert. Ein Umhang, der einem Superheldenflügel wachsen lässt. Ein Spiderman-Rucksack, um sich wie ein Schulkind zu fühlen. Ein Blazer, um durch die Tür des Konferenzraums zu schreiten. Ein Ballkleid, um sich diesen Satz aus «Der Leopard» in Erinnerung zu rufen: «Damit alles bleibt wie zuvor, muss sich alles ändern.» Und wie ist es bei Ihnen? Was für eine Uniform haben Sie für den Herbst?
Illustration:
ANNA HAAS











