Pop Culture

Lady Gaga, a Star Is Born

Egal, ob als Pop-Superstar oder als Hauptdarstellerin im Kino: Die Sängerin macht alles mit voller Leidenschaft. In Bradley Coopers erstem Film, einem Pop-Remake von «A Star Is Born», erobert sie nun die Leinwände und wird im Internet bereits als Anwärterin auf einen Oscar gehandelt. Ein Überblick über den unglaublichen Aufstieg einer Künstlerin, die uns immer wieder zu überraschen vermag.
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Lady Gaga bei den Grammy Awards 2018, während einer Hommage an Elton John im Januar.

Nur wenige Menschen erfinden sich so häufig neu oder sind künstlerisch und optisch so wandlungsfähig wie Lady Gaga. Mit ihren unbeschreiblichen Looks und zahlreichen Aktivitäten von Mode bis hin zur Wohltätigkeit gilt sie als Chamäleon der Musikszene. Ein Mother Monster – wie ihre Fans sie liebevoll nennen –, das seit zehn Jahren ununterbrochen Normen bricht, um sie sich anzueignen und sie an die eigenen Massstäbe anzupassen.


In der grossartigen Dokumentation über das Leben des Popstars, «Gaga: Five Foot Two», die derzeit auf Netflix zu sehen ist, und auf ihrem neuesten Album, «Joanne», entdecken wir ihre ungeschminkte, verletzliche Seite: eine Marilyn Monroe des Pop. Nur eine weitere Verwandlung? Oder die echte Stefani, wie sie mit richtigem Namen heisst? In «A Star Is Born» von Bradley Cooper, der sich ebenfalls in einer Neuorientierungsphase befindet, tritt sie mit ihrer Paraderolle in die Fussstapfen von Judy Garland und Barbra Streisand und kehrt zu ihren Ursprüngen zurück – dorthin, wo sie geboren wurde: zum Firmament.


Beautiful, Dirty, Rich
Wer ist Lady Gaga? Wo soll man beginnen? Kaum haben wir vor einem Jahr erfahren, dass sie ihre Europatour aus gesundheitlichen Gründen umplanen musste, kündigte sie für Ende 2018 bereits eine Reihe von Konzerten in Las Vegas an, legte sie an den Grammy Awards (sie hat sechs) einen spektakulären Auftritt mit einem mit weissen Federn geschmückten Klavier hin und eröffnete die New York Fashion Week. Was für eine Energie! Und was für eine Eleganz! Hat sie nicht auch eine äusserst stilvolle Schmuckkampagne für Tiffany & Co. in Seidenbluse und Bundfaltenhose gemacht? Vor Kurzem wurde sie gesehen, wie sie zusammen mit bekannten Grössen der Musikwelt Aufnahmestudios betreten und wieder verlassen hat. Also? Kommt es etwa zu einem «Cheek to Cheek» 2 mit ihrem alten Komplizen, dem legendären Crooner Tony Bennett? Oder zu noch geheim gehaltenen Duetten (mit Taylor Swift zum Beispiel)? Oder ist ein sechstes Soloalbum in Vorbereitung? Und dann noch die Oscar-Gerüchte in Hollywood wegen ihrer Leistung als Ally in «A Star Is Born»: eine bescheidene Brünette, die ihren Traum von einer grossen Gesangskarriere schon fast aufgegeben hat und die ein alkoholkranker Country-Sänger, gespielt von Bradley Cooper, unter seine Fittiche nimmt. Schon die ersten Bilder lassen keinen Zweifel zu: Eine grossartige Schauspielerin tritt zum Vorschein, verwandelter als jemals zuvor. Wir wissen nicht, welcher Gaga wir noch trauen sollen. Dazu muss man sagen, dass es ihr sehr daran liegt, ihre Spuren zu verwischen. Als sie ihre Kostüme noch selbst anfertigte – mit Hilfe ihres Teams, des Haus of Gaga, einer wahren Kostüm- und Accessoires-Abteilung, die jedem ihrer Wünsche nachkam –, konnten wir unter anderem sehen, wie sie die Königin von England in einem roten Latex-Kleid und mit Kristallen um die Augen begrüsste oder wie sie in einem Kleid aus rohem Fleisch gegen die Ausgrenzung von LGBTQ durch das US-Militär protestierte. Für Chris Moukarbel, den Regisseur von «Gaga: Five Foot Two», der die Sängerin von der Aufnahme von «Joanne» bis zu ihrem total verrückten Auftritt in der Super-Bowl-Halbzeit im letzten Jahr vor und hinter den Kulissen begleitete, ist Lady Gaga «überraschend selbstsicher. Als wir drehten, kam es oft zu emotionalen Momenten, da sie sowohl sehr stark als auch sehr sensibel sein kann.» Die Sängerin leidet seit fünf Jahren an Fibromyalgie, einer Krankheit, die schwere chronische Schmerzen und Schlafstörungen verursacht. Bei der Super-Bowl-Show bereitete ihr ihre einige Jahre zuvor gebrochene Hüfte heftige Schmerzen. Ist Lady Gaga also auch nur ein menschliches Wesen, verletzlich und von Schicksalsschlägen gezeichnet, wie jeder andere auch? Es war ein atemberaubender Moment, als sie vor Millionen von Fernsehzuschauern am Dach des Stadions hing. Wie macht diese 1,55 Meter grosse Frau, die zudem noch auf riesigen Absätzen steht, all das? Und woher kommt dieses ständige Bedürfnis nach Veränderung, Adrenalin und extremen Situationen? Woher kommen dieser Wahnsinn und dieser Ehrgeiz, diese Energie und dieses stolze Feuer, das sie langsam aufzehrt, das sie aber auch zu einer der einflussreichsten und rätselhaftesten Frauen dieses Jahrhunderts macht? «Bis in die hinterste Ecke dieses Planeten kennt jeder Lady Gaga», erklärt Ryan Murphy, der Produzent der Serien «Pose», «Glee» und «American Horror Story», in der Gaga eine Gräfin und eine Hexe spielt. «Der Grund, warum ich wollte, dass sie bei ‹American Horror Story› mitmacht, war nicht nur, dass sie diese Halloween-Atmosphäre liebt. Sondern weil mit Lady Gaga Magie echt ist.»

Born This Way

Stefani Joanne Angelina Germanotta wird am 28. März 1986 an der Upper West Side, einem wohlhabenden Stadtteil von Manhattan, in eine eher wohlhabende, jedoch aus bescheidenden Verhältnissen stammende Familie hineingeboren. Ihr Vater, Joseph, ist Internetunternehmer und Sohn italienischer Einwanderer. Ihre Mutter, Cynthia, ist französisch-kanadischer Herkunft und arbeitet in einer Telekommunikationsfirma. Im Alter von vier Jahren lernt Stefani Klavier nach Gehör spielen und komponiert ihr erstes Lied! «Sie war immer sehr entschlossen», sagt später ihr Vater, der seine älteste Tochter liebevoll Loopy (übergeschnappt) nennt.

Ab dem Alter von elf Jahren besucht die zukünftige Interpretin von «Judas» und «Sinner’s Prayer», die in einer Familie praktizierender Christen aufwächst, die katholische Nobelschule Convent of the Sacred Heart in New York. Damit beginnt auch ihr Leidensweg: «Zu der Zeit hatte ich eine sehr grosse Nase, braunes und sehr lockiges Haar, ich habe ständig Selbstbräuner verwendet und ausserdem war ich zu dick (…) Die anderen haben sich über mich lustig gemacht. Ich war es gewohnt, ständig gemobbt zu werden. Die Jungs haben mich in eine Mülltonne an einer Strassenecke gesteckt. In der Schule wurden Obszönitäten auf mein Schliessfach geschrieben, wohingegen die der anderen Kinder schön sauber waren. Oft hat man mich in den Schulgängen in die Seite gekniffen und ich wurde als Schlampe beschimpft. Ich brauchte lange Zeit, bis ich mich sexy fühlte, weil ich in der Schule ständig heruntergemacht wurde. Diese Erfahrung hat mich für den Rest meines Lebens geprägt», vertraute Lady Gaga 2013 der englischen Tageszeitung «The Guardian» an. Obwohl sie einen der begehrten Plätze an der Tisch School of the Arts ergattern kann, wirft sie innerhalb eines Jahres alles hin. Stattdessen tritt sie mit ihrem Keyboard in Bars und Clubs auf und ergattert 2001 sogar eine Nebenrolle in einer Episode der Serie «The Sopranos». Im Alter von gerade mal 18 Jahren mietet sie eine billige Wohnung an der Lower East Side, wo Trash und Rock ’n’ Roll fortan zum Alltag gehören. Und um über die Runden zu kommen, arbeitet sie als Kellnerin in Striptease-Bars oder selber als Go-go-Tänzerin. Das burleske Duo von Stefani und ihrer Freundin, der zukünftigen Lady Starlight, funktioniert gut, und ein befreundeter Schlagzeugspieler und Barinhaber verleiht ihr den Namen Lady Gaga – das «Ga Ga» beruht auf dem Song «Radio Ga Ga» von Queen, die «Lady» kommt von ihrer Seite dann noch dazu. Im Alter von 19 Jahren unterzeichnet Lady Gaga bei Def Jam Records ihren ersten Plattenvertrag, der aber nach nur drei Monaten wieder aufgelöst wird, da das Label nichts mit ihr anzufangen weiss. 2007 nimmt Akon sie bei seinem Label KonLive unter Vertrag. Mit einem langen blonden Pony und eckigen Schulterpolstern entwickelt Lady Gaga ihren eigenen Stil. Akon erinnert sich: «Sie wusste ganz genau, was sie wollte, und hat alle Richtungen miteinander kombiniert. Sie sprach gleichzeitig von Andy Warhol, Dance- und Industrial-Musik, Malerei, Mode …» Im darauffolgenden Jahr wird ihr erstes Album «The Fame» veröffentlicht. «Just Dance», einer der Haupttitel des Albums, stieg sofort auf Platz 1 der weltweiten Charts. Einfach nur tanzen. Darauf muss man erst einmal kommen! 2009 folgt eine Welttournee mit dem Namen «The Fame Ball Tour», später wird «The Fame Monster» veröffentlicht, eine Neuaufnahme ihres ersten Albums mit acht neuen Titeln. Zwei Jahre später wird «Born This Way» zu ihrer Hymne, zu ihrem Manifest, und sie legt ein Tempo vor, das einen unausweichlich an Madonna erinnert.


So Happy I Could Die

Lady Gaga, die jetzt bereits einen festen Platz im kollektiven Bewusstsein hat, spricht sich bald selbst bei den «Simpsons;, sie erhält eine Gastrolle in «Men in Black 3», einen Auftritt in einer TV-Show mit den Muppets … Für Elton John, mit dem sie 2010 ein Duett bei den Grammys gesungen hat, ist sie «die aufregendste Künstlerin im Moment, die einzige, die sich wirklich traut, Risiken einzugehen». Zusammen mit dem Coach von Christina Aguilera hat Lady Gaga ihren Mezzosopran weiter ausgebaut. Der ist nun genauso wandelbar wie ihr Aussehen. Sie ist in der Lage, sowohl mit Metallica einen Song aufzunehmen als auch bei der Oscarverleihung ein Medley aus «The Sound of Music» vorzutragen. Aber der Name Lady Gaga steht natürlich auch für ihre glamourösen, unkonventionellen und bis ins kleinste Detail geplanten Live-Shows. Sie ist nicht nur eine Königin der Bühnendarstellung, eine ausgezeichnete Tänzerin und Musikerin, sondern hat ihre ganz eigene Art, verschiedene Genres miteinander zu vermischen. Sie verfügt über eine aussergewöhnliche Kreativität, ist fordernd, versucht, ihre Grenzen immer weiter auszudehnen, um alles miteinander zu verbinden, zu zerstören und wieder zusammenzubauen: Musik, Popkultur und Mode. Die Lady entwickelt daraus einen faszinierenden, kommerziellen Rubik’s Cube und hat dabei die Zügel ihrer Karriere fest in ihrer Hand. Lady Gagas allgegenwärtig demonstrierte Sexualität wirkt verstörend. Genauso wie zuvor Madonna enthüllte sie, dass sie in jungen Jahren vergewaltigt worden ist und seitdem an posttraumatischem Stress leidet … Am Anfang der Dokumentation «Five Foot Two» spricht sie über ihr Bedürfnis, sich zu verkleiden und weniger mit «Carnival» in Verbindung gebracht zu werden. «Bisher habe ich mich in meiner Haut noch nie wohl genug gefühlt, um in einem ganz natürlichen Look die Bühne zu betreten. Ich hatte nie wirklich das Gefühl, hübsch und intelligent genug, geschweige denn eine gute Musikerin zu sein. Jetzt aber fühle ich mich wohl in meiner Haut, und das muss ich mir bewahren.» Zu ihren Freunden zählt sie unter anderem Nicola Formichetti, ehemaliger künstlerischer Direktor von Mugler, und Marc Jacobs, für den sie schon auf dem Laufsteg unterwegs war, sowie Donatella Versace: Ihr widmete sie ein Lied auf ihrem Album «Artpop», im Gegenzug wurde sie von der Modedesignerin für ihre «Born This Way Ball Tour» ausgestattet. «Wir alle klauen ein bisschen Inspiration von Lady Gaga, aber erzählen Sie es ihr bitte nicht», scherzt Tom Ford, der seine Frühjahr/Sommer-Prêt-à-porter-Kollektion 2016 in Form eines Videoclips präsentierte, in dem die Sängerin den Disko Hit «I Want Your Love» performte.

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Links: Lady Gaga und Donatella Versace 2014 in Los Angeles. Rechts: Mit Marc Jacobs in New York 2016.

Diamond Heart
In Herzensangelegenheiten hat die Diva mit rosa Hut schon viele blaue Flecken davongetragen. Wir haben all unsere Hoffnungen auf den attraktiven Schauspieler und Model Taylor Kinney gelegt. Doch nun ist Lady Gaga mit ihrem Agenten, Christian Carino, liiert. Der tätowierte Philanthrop mit dem graumelierten Haar war vorher bereits als Agent von Jennifer Lopez, Miley Cyrus und Justin Bieber tätig. Fast möchte man glauben, dass sie mit dem Fluch aus dem Film «A Star Is Born» belegt ist: Für einen Star ist es fast unmöglich, Berufs- und Privatleben in Einklang zu bringen. Lady Gaga hat mit ihren 32 Jahren schon alles erlebt. Laut dem «Forbes»-Magazin beläuft sich ihr Vermögen auf mehrere hundert Millionen Dollar. Wenn sie also ihren Eltern einen Rolls-Royce schenken möchte, macht sie keine grosse Sache daraus. Sie besitzt eine Ranch in Malibu, wo sie gern ihre Zeit mit Reiten oder Meditieren in der Sonne verbringt und so zur Ruhe kommt. Jessica Lange, ihre Kollegin in «American Horror Story;, bezeichnet sie als «ultraprofessionell». Sie arbeitet in der Tat sehr hart. Und das oft nur, um ihr verdientes Geld, manchmal sogar die gesamten Konzerteinnahmen an wohltätige Organisationen zu spenden. Zusammen mit ihrer Mutter hat sie die Stiftung Born This Way gegründet, um vor allem Jugendlichen mit Selbstdarstellungs- und Selbstbehauptungsproblemen Unterstützung zu geben. Selbstverständlich ist es nicht ihre Art, sich auf ihren Lorbeeren auszuruhen. «Ich möchte mich in dieser Branche zu einer Frau entwickeln und darin erwachsen werden. Wenn man im Alter von 21 oder 22 Jahren schon so grosse Berühmtheit erlangt hat, kommt das Wachstum oft schon bald zum Stillstand. Ich möchte aber erst noch zum Erblühen kommen», erzählt die Sängerin zu Beginn von «Five Foot Two». Der Film «A Star Is Born» könnte die Gelegenheit dazu sein. Lady Gaga, die bereits im jungen Alter am Lee Strasberg Theatre and Film Institute Schauspielunterricht nahm, konnte sich in der Kinobranche bisher noch nicht behaupten. Jetzt ist zweifellos der Moment gekommen, sich auch als Schauspielerin einen Namen zu machen. Für Bradley Cooper war Lady Gaga eine Offenbarung. Und sie verkehrte die Situation schnell ins Gegenteil, wie er beim letzten Tribeca Film Festival verriet: «Sie sagte zu mir: ‹Ich vertraue darauf, dass du eine gute schauspielerische Leistung aus mir herausholst. Und ich werde dafür sorgen, dass du wie ein echter Musiker aussiehst, weil hier jeder live singen wird. Playback kommt nicht infrage.› Das war eine furchtbare, zugleich aber aussergewöhnliche Erfahrung. Sie hat mich darin unterstützt.»

Lady Gaga letzten Januar in New York.
«Bisher habe ich mich in meiner Haut noch nie wohl genug gefühlt, um mit einem ganz natürlichen Look die Bühne zu betreten. Ich hatte nie wirklich das Gefühl, hübsch und intelligent genug, geschweige denn eine gute Musikerin zu sein. Jetzt aber fühle ich mich wohl in meiner Haut, und das muss ich mir bewahren.» Lady Gaga


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