Pop Culture

Feminismus ist das neue Schwarz

von Valérie Fromont
27.03.2017
Der französische Philosoph Roland Barthes betitelte 1960 einen Artikel mit «Blau ist dieses Jahr in Mode». 2017 hätte er sicher dem Feminismus diese Ehre zuteilwerden lassen. Ja, Feminismus ist in Mode, und das ist gut so.

Der «Women's March» vom 21. Januar offenbarte die ungeheure Energie der Frauen, die nicht nur auf ihre Frauenrechte pochen, sondern ihre Menschenrechte entschlossen verteidigen. Was ist Feminismus heute? Über die Popkultur transportieren neue Stimmen und neue Gesichter Werte wie Diversität und Solidarität. Der Feminismus erlebt eine Renaissance, von der Strasse bis zu den Rednerbühnen. Das Porträt einer engagierten Generation.

«This is not a time for shy people! Shy people, you have two hours to get over it», rief Michael Moore am «Women‘s March» in Washington.

Der 21. Januar in Washington, New York, Los Angeles, Atlanta und Phoenix, in Genf, Tokyo, Nairobi, New Delhi, Berlin, Sydney, Paris, sogar am Südpol: Millionen Frauen gingen auf die Strasse, um gehört zu werden und ihre Rechte gegen einen notorisch frauenfeindlichen Präsidenten zu verteidigen.

Auf den Instagram-Accounts, denen ich folge, tauchten überall Bilder von rosa Mützen auf. Die Demonstrantinnen trugen diese «pussy hats» als Protest gegen Donald Trumps Ausspruch über Frauen «grab them by the pussy». Ich erinnere mich auch an ein paar skeptische Kommentare, die die Bewegung niedermachten. Der Grundtenor war: «Wozu gehst du denn überhaupt auf die Strasse?» Die Kommentare zogen mehr oder minder offen in Zweifel, ob das Engagement legitim sei, da sich Frauen, die Instagram nutzten, sich sonst eher für Açai-Bowls oder die Fashion Week interessierten. «Worüber beschwerst du dich als weisse, westliche, privilegierte Frau? Welche Rechte hat man dir genommen?» Vom Keyboard aus wischten sie die Argumente, den Zorn und die Energie der Demonstrantinnen weg und taten diesen Protestmarsch als unberechtigte Laune kleiner verzogener Mädchen ab. Wenn gewisse amerikanische Frauen in den Kommentaren Kritik an der Rechtmässigkeit des «Women‘s March» ausübten, dann statistisch gesehen wohl eher die 53 Prozent weissen Wählerinnen Trumps (94 Prozent der schwarzen Frauen wählten dagegen Clinton).

Auf die Strasse gegen Trump. Für die Stärkung der Frauenrechte. Um das Recht auf Abtreibung zu verteidigen. Gegen neue Einwanderungsgesetze und Rassenungleichheit. Für LGBT-Rechte, Lohngleichheit und Umweltschutz. Alle gegen ihn vereint. Unter dem Anti-Trump-Banner fanden sich Gruppen und Anliegen von grosser Diversität zusammen. Vor allem die Frauen vereinten ihre kämpferischen Kräfte. Manche Schwarzseher waren vielleicht verwirrt, weil sie darin keine Botschaft oder kein einheitliches Ziel erkennen konnten. Tatsächlich ist eine neue Ära des Feminismus angebrochen, vielschichtig aber nicht zersplittert, und nun taucht in der öffentlichen Debatte plötzlich ein neuer Begriff auf, die «Intersektionalität». Was genau ist das eigentlich? Das Bündel der Forderungen, die an den Protesten vom 21. Januar zu lesen waren, erklärt es von selbst: «Refugees welcome». «Keep your laws out of my vagina». «Black lives matter». «Science is real». «Flint needs clean water». «Nobody likes you»*. Sich mehrfach überlagernde Arten der Diskriminierung veranlassten die Frauen – und alle Männer, die ihnen beistehen wollten – zum Protest. Aus gutem Grund. Hillary Clintons Niederlage am 8. November gegen einen archetypischen Chauvinisten und Sexisten war ein Schlag für den Feminismus, dessen Lebenskraft gerade jetzt von grundlegender Bedeutung für die Demokratie ist.

Am «Women‘s March» gab es nicht nur Spruchbänder, sondern auch Scarlett Johansson, Madonna, Rihanna, Miley Cyrus und weitere Unmengen Prominente. Manche halten das für Pop-Feminismus im Dienste der Unterhaltungsindustrie und Konsumkultur. Feminismus ist eindeutig in Mode. Während der Amtszeit Obamas hat die Popkultur sich den Feminismus zu Eigen gemacht. Manchmal in brillanter Weise, wie die Serie «Girls» von Lena Dunham. Niemand hätte gewagt zu behaupten, keine Feministin zu sein, auch wenn man den Begriff nicht klar umreissen konnte oder wusste, was damit einherging. In der Modewelt setzte Maria Grazia Chiuri an ihrem ersten Défilé als Kreativdirektorin von Dior ein starkes Signal, als sie Shirts mit der Botschaft «We should all be feminists» auf den Laufsteg brachte. An der letzten New Yorker Fashion Week gab es kaum einen Designer, der so tat, als interessiere ihn diese Weltanschauung nur am Rande. Der politische Kontext bewirkt, dass alles im Fokus steht und bedeutsam wird. Jeder war aufgerufen, deutlich oder zumindest da und dort Position zu beziehen. Ob aus Überzeugung oder Opportunismus, die Haltung dem Feminismus gegenüber bestimmt nun, wie ein Designer oder eine Marke wahrgenommen wird. Das Design selbst, das Styling, das Casting, die Gäste, die Vorführung und der Event stehen unabdingbar im Wechselspiel mit der politischen Sphäre. An der Fashion Week, einer grossartigen Plattform der Expressivität, ertönen mehr denn je weibliche Forderungen, die sich grösstenteils zu feministischen gewandelt haben. Prabal Gurung, Tracy Reese, Mara Hoffman, Christian Siriano, Public School, Calvin Klein und Oscar de la Renta, um nur einige zu nennen, gehören zu den Labels, die klar Stellung bezogen haben.

Zwischen der ersten und zweiten Präsidentschaftskampagne von Hillary Clinton hatte die Welt sich verändert. Obwohl sie zunächst ablehnte, sich «als Frau» für das Amt zu profilieren, und ihre Weiblichkeit an der Garderobe abgab, ist Feminismus inzwischen ein entscheidendes Argument. Zu sehen, wie jedes Starlet und jede Marke den Feminismus so schnell für sich beansprucht, fand ich am Anfang fragwürdig und ehrlich gesagt ein bisschen ärgerlich. Für mich und viele andere westliche Frauen zwischen 30 und 40 (Millennials sind wieder ein eine andere Sache) ist der Umgang mit dem Erbe des Feminismus kompliziert. Nachdem unsere Mütter diesen Kampf ausgefochten hatten, schien die Sache erledigt. Wir hatten theoretisch die gleichen Rechte wie die Männer. Dieses Erbe wurde manchmal auch etwas mühsam. Da unsere Mütter das Recht auf Arbeit hart erkämpft hatten, durften wir uns auf keinen Fall beschweren, auch nicht mit Baby auf dem Arm. Direkt aus der Entbindungsstation – hopp! – zurück in den mausgrauen Hosenanzug: mit einem Lächeln und voller Dankbarkeit, versteht sich. Sie waren so überzeugt, dass den Frauen alles möglich ist, dass das Hinterfragen dieses Erbes schwierig wurde. Die Kämpfe waren vorbei, der Feminismus roch ein bisschen ranzig.

Unter dem Lack der Gleichberechtigung treten nun die Realitäten zu Tage. Es gibt noch so viel zu erkämpfen. Doch heute stehen diese Fragen unter so anderen Vorzeichen, dass die Texte, Paradigmen und Gesichter von gestern, wenngleich nach wie vor von didaktischem Wert, zur Lösung aktueller Probleme nicht taugen. Wieso kommen so wenige Frauen in Führungspositionen? Wieso sind sie bei gleicher Verantwortung schlechter bezahlt? Ist es schlimm, wenn einem ein Mann auf der Strasse nachpfeift? Ist der Minirock eine Form der Unterwerfung oder der Befreiung? Kann man Feministin sein und zu Hause für die Kinder sorgen? Ist die Geschlechtsidentität festgelegt? Kann man seine Bisexualität offen ausleben, ohne sich rechtfertigen zu müssen? Abtreiben, ohne dass man Schuldgefühle eingeredet bekommt? Das sind nur einige Fragen, mit denen viele Frauen täglich konfrontiert sind. Es braucht neue Stimmen, um diese Fragen in die öffentliche Debatte einzubringen. Sheryl Sandberg (Lean in), Anne-Marie Slaughter (Why women still can’t have it all) oder Lena Dunham – der Feminismus hat neue Gesichter. Starke Figuren rücken auf zahllose Weisen ins Rampenlicht und belegen die Fülle des Frauseins: in der Diversität der Werdegänge, Gesichter und Diskurse, die vom Aufbrechen der Stereotypien und vom Recht auf Leben erzählen und die das Weibliche ganz individuell zelebrieren. Beyoncé, Misty Copeland und Alicia Keys – all diese Frauen haben ihren Beitrag geleistet, feministische Werte in andere Bereiche zu tragen und die Menschen zu berühren. In New York hat Audrey Gelman «The Wing» gegründet, einen Club exklusiv für Frauen, der die vielgestalten und komplexen Ambitionen dieses neuen Feminismus belegt. Umso besser, wenn die Welle allgemeiner Begeisterung diese Debatte übernimmt, auch wenn sie nur anekdotisch oder irgendwie schick ist. Immerhin wird so der Feminismus entzaubert, seine oft einschüchternde Diskussionskultur und das Ausschliessen aller, die damit nicht vertraut sind.

Aber macht einen das Tragen einer rosa Mütze schon zur Feministin? Sicher, sie ist nur eine Metapher, doch die symbolische Resonanz dieser Metapher ruft uns die ungeheure Macht der Solidarität in Erinnerung. Der «Women‘s March» war einer der grössten Protestmärsche der US-Geschichte, sein enormes weltumspannendes Echo dabei nicht eingerechnet. Die Wahl Donald Trumps wirkte wie ein Erdbeben, das die Energien von allen Gruppen mobilisierte und bündelte, die sich unter dem ausreichend breiten, einladenden Dach des neuen Feminismus trafen und wiedererkannten. Der Alarmzustand in der aktuellen politischen Landschaft verleiht dem Feminismus eine ganz neue, einende Kraft. Zu erkennen, was eine Gruppe verbindet, nicht was sie trennt, das ist schon ziemlich viel. Es bestätigt sich wieder einmal, dass wir Frauen die treibende Kraft hinter gesellschaftlichen Veränderungen sind. Der «Women‘s March» spiegelt die ständig wachsende Gemeinschaft von Frauen und Männern mit diversen Hintergründen, von Einwanderern, der LGBT-Community und Menschen aller Religionen, denen die Entwicklung neuer Formen des Zusammenlebens dringend am Herzen liegt. Die hoffen, dass der Feminismus eine neue, anpassungsfähige Topographie skizziert, einen Ort der Inklusion, Gerechtigkeit und Toleranz, des sozialen und wissenschaftlichen Fortschritts, des Mitgefühls und der Menschlichkeit. Feministin zu sein bedeutet heute, da auf der ganzen Welt alle möglichen Diktatoren an die Macht drängen, wachsam zu sein, informiert, engagiert, kämpferisch und besonders: solidarisch (was dem Feminismus nicht immer gelungen ist). Mit Zähnen und Klauen – oder ohne.

 

* Quelle: New York Times

 

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