Fashion

Victoria Beckham vs. Victoria's Secret: 1-0

An den Modeschauen für Herbst/Winter 2018 war eine Vielfalt weiblicher Körpertypen vertreten: von unwiderstehlichem Achtziger-Sex-Appeal bis hin zu strengen Kuttenkleidern und Alitalia-Uniformen. Inwiefern passen diese Bilder zu den feministischen Forderungen der Post-Weinstein-Ära? Wie können Kleider und Modeindustrie zur Emanzipation der Frau beitragen und die Klischees verändern, die damit einhergehen? Strumpfhalter gegen feinen Zwirn – der Match ist eröffnet. 
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Zwei Victorias, zwei Entwicklungsverläufe. Erstere, Victoria Beckham, zeigte in ihrer Herbst/Winter-Kollektion 2018 strenge Silhouetten – die Frauen waren in wollenes Tuch gehüllt, das als einzige Hautpartie den zarten Ansatz der Fussknöchel freigab. Die zweite Marke, Victoria’s Secret, stellt jede Saison aufs Neue eine gigantomanische Karnevalsaufführung auf die Beine: eine Flut von Federn, Pobacken, Fransen, Konfetti, sternchenverzierten Brustwarzen, Bändern, Schmetterlingsflügeln und Einhörnern aller Art. Und dennoch vereinte die beiden Victorias in den Neunzigern ihre ausgesprochene Vorliebe für Balconnet-BHs, Korsetts, caramelbraunen Lipliner und wasserstoffblonde Strähnchen im Streifen-Look. Der einen ist es gelungen, das Konzept der Weiblichkeit auf den Weg ihrer persönlichen und sozialen Weiterentwicklung mitzunehmen, während die andere quasi zu einem "Maxim"-Cover von 1999 erstarrt ist.
 

Während ich diese Zeilen schreibe, gehen die Herbst/Winter-Schauen 2018 zu Ende. Auf den Laufstegen folgte ein Frauenideal dem nächsten, so kaleidoskopartig, dass es unmöglich ist, aus ihnen Kraftlinien oder einen eindeutigen Trend herauszulesen. Die uneingeschränkte Diversität der Geschlechter- und Stildarstellungen hat die Trendbarometer abgelöst, und alles, von ethnischen Symbolen bis hin zu ideologischen Auseinandersetzungen, wird assimiliert und in einer Art postmodernem Urknall der Identität und Ästhetik neu gemischt. An den Modeschauen waren Sikh-Turbane, Disco-Divas aus dem Studio 54, Hippies geradewegs aus Woodstock, Cyber-Geschöpfe, T-Shirts mit feministischer Botschaft, Achtziger-Dominas, Pullis mit dem Symbol des Welternährungsprogramms und sogar Pilotenuniformen der Alitalia (!) zu sehen. Was wird einst als Look der jetzigen Zeit gelten? Es ist interessant zu beobachten, welche Reaktionen die Designer auf die Wendungen im Nachrichtengeschehen zu bieten haben. Ich war also gespannt, inwiefern die Designer nach der Weinstein-Affäre, der #MeToo-Bewegung, der offenen Diskussion über Machtverhältnisse und Gewalt an Frauen und nach der Debatte über die Verführung "à la française" sich am Zeitgeschehen beteiligen würden. Welche Frauenbilder würden sie den kollektiven Wunschvorstellungen und dem Markt präsentieren? Schliesslich haben sich von Paul Poiret über Yves Saint Laurent bis André Courrèges bereits so viele Modeschöpfer gerühmt, die Frau "befreit" zu haben. Vom Korsett, vom Rock, von den lähmenden Bildern ihrer eigenen Biografie – die ein Teil ihres Körpers wurden, Teil der Spuren, die sie auf der Welt oder in ihren eigenen Repräsentationen des Weiblichen hinterliessen. 

In solchen alltäglichen Momenten poche ich auf mein Recht, nicht belästigt zu werden.

In jedem Zeitalter hat die Kleidung dem Körper Anhaltspunkte geliefert, wie er sich im öffentlichen Raum zurechtfinden soll. Mit hohen Absätzen, mit grossen Schritten, am besten auf der Place de la Concorde! Gemäss der willkürlichen Epocheneinteilung in Jahrzehnte war in den Sechzigern alles kurz und strukturiert, in den Siebzigern unscharf und vernebelt, in den Achtzigern eroberungslustig und paillettenbesetzt, und die Neunziger wollten die Gleichberechtigung im mausgrauen Kostüm durchsetzen. Aber jede Dekade forderte auf ihre Weise die Emanzipation der Frau. Heutzutage dominiert vor allem die Pluralität der Modelle. Zunächst einmal, weil die Modebranche einen solchen Umfang erreicht hat, dass sie den Markt quasi in Planquadrate aufteilt, die für jedes Segment, für jeden potenziellen Marktanteil etwas im Angebot haben. Aber auch, etwas weniger zynisch, weil die Designer ein etwas weniger eindeutiges Bild von der Frau im Kopf haben. Da wird behauptet, man könne "an ein und demselben Tag in der Arbeit Chefin eines Teams sein und Freude daran haben, das Objekt eines Mannes zu sein", wie es ein offener Brief von hundert Frauen (darunter die sehr medienwirksame Catherine Deneuve) es in der französischen Tageszeitung "Le Monde" formulierte – worauf zu Recht ein weltweites Echo der Polemik folgte, das auf das unveräusserliche Recht der Frau erinnerte, nicht von einem Mann belästigt zu werden. Andererseits wird gefordert, wie es die Autorin Leïla Slimani in der "Libération" (einer anderen französischen Tageszeitung) tat, "abends die Metro nehmen zu können. Einen Minirock, einen tiefen Ausschnitt und hohe Absätze zu tragen. Allein mitten auf der Tanzfläche zu tanzen. Bis zur Unkenntlichkeit angemalt zu sein wie ein gestohlener Lastwagen. Ein Taxi zu nehmen, wenn ich schon einen Schwips habe. (...) In solchen alltäglichen Momenten poche ich auf mein Recht, nicht belästigt zu werden." 

Kein übergeordneter Blick, der mittels verschiedener gesellschaftlicher Zwänge unsere Identitätsfindung von aussen beeinflusst, sondern ein autonomer Blick auf das Ich und das eigene Aussehen. 

Sind die unglaublich verführerischen, emanzipierten, dominanten Frauen, wie sie Tom Ford, Marc Jacobs oder auch Jeremy Scott auf den Laufsteg schicken, mehr oder weniger emanzipiert als die Amazonen à la Phoebe Philo, Stella McCartney, den Olsen-Zwillingen für The Row oder Victoria Beckham, die in flachen Schuhen auf den Runway kommen und denen an Sex-Appeal weniger liegt als an Bequemlichkeit? (Nebenbei der Hinweis auf die geschlechtsspezifische Trennung in dieser Aufzählung). Machen sie sich zu Komplizinnen des Patriarchats, indem sie die Fantasie von der Frau als Objekt untermauern? Oder setzen sie sich im Gegenteil über solche Konflikte hinweg, indem sie davon ausgehen, dass ihr Äusseres mit all den abgedroschenen Klischees über die Macht der Verführung ihre bedingungslose, unveräusserliche Entscheidungsfreiheit nicht beeinträchtigen kann und darf? Ich für meinen Teil bin der Meinung, dass diese Frage nicht von aussen beantwortet werden darf, denn sie hat vor allem mit der Berücksichtigung der eigenen Wünsche zu tun. Also auch, nicht den Wünschen der Männer zu entsprechen, sondern unserer eigenen Wahrnehmung der Identität und unseres Selbstbildes – das, wenn ich den Modeschauen und vor allem den Frauen in meiner Umgebung Glauben schenken darf, zunehmend wandelbar ist. Was sich geändert hat, ist die Erkenntnis, dass Mode vor allem Raum für Spiel und Verwandlung ist und eigentlich kein schulmeisterliches Abbild einer tiefen, transzendenten, hochheiligen Identität, so wie das Standbild des Komturs aus Molières "Don Juan", das im Himmel der platonischen Ideen schwebt. Jeder Diskurs, jeder Standpunkt kommt auf einzigartige Weise zustande und schlägt sich hier und jetzt in der Betrachtungsweise des Körpers nieder. Und ebenso wie seine Gemütszustände ist dieser Körper wandelbar, geschmeidig, fliessend, unvorhersehbar. Was sich ebenfalls geändert hat oder bald ändern wird, ist die Richtung des weiblichen Blicks. Kein übergeordneter Blick, der mittels verschiedener gesellschaftlicher Zwänge unsere Identitätsfindung von aussen beeinflusst, sondern ein autonomer Blick auf das Ich und das eigene Aussehen. 

Körper und Geist erfinden sich selbst. Und sind dabei immer emanzipierter.

Ausreichend reflektiert, frei und selbstbewusst, um diese ganzen ideologischen Schichten abzubauen, die das Ich-Bewusstsein und die Weltsicht eines jeden, vor allem aber der Frauen mitformen. John Berger hat 1972 in "Ways of Seeing" bereits sehr gut beschrieben, wie Frauen sich selbst ständig von aussen wahrnehmen. Wie in einem Spiegelpalast, als wäre die Welt ein in tausend Stücke zersprungener Spiegel, dessen Scherben ständig ein fragmentiertes Bild ihrer selbst zurückwerfen. Sie beobachten sich oder fühlen sich beobachtet, und mit diesem Selbstbild zurechtzukommen, ist eine so schwere Last, dass sie weder die Zeit noch das nötige Selbstvertrauen aufbringen, sich selbst zu verstehen und gleichberechtigt am grösseren Weltgeschehen teilzunehmen (diese These wird unter anderem auch von Simone de Beauvoir in "Das zweite Geschlecht" vertreten). Diese Umkehr der Blickrichtung ist vielleicht der tatsächliche Wendepunkt, der ontologische Bewusstseinswandel vom Status des Objekts hin zum Subjekt. Ein autonomer, nach aussen gerichteter Blick, nicht umgekehrt. Die Machtübernahme und die Emanzipation vom patriarchalischen Erbe sind mit dieser Bewusstwerdung verknüpft, ob mit oder ohne Highheels.
 

Was hat das mit Mode zu tun? Fast nichts oder fast alles. Der französische Anthropologe Marcel Mauss bemerkt nach einem Spitalaufenthalt in New York, dass die Frauen in Paris einen ähnlichen Gang hatten wie die New Yorker Krankenschwestern. Und dass dieser neue Gang auf beiden Seiten des Atlantiks vom Kino inspiriert war. Daher, wie es den Körper und die Vorstellungskraft formt. Die Nachahmung des Vorbilds, der Art, wie die Gesamtgesellschaft dargestellt wird. Diese Darstellungen faszinieren uns, manchmal aus Begehren und oft ohne unser Wissen. Aus diesem Grund ist die Mode mit ihren ganzen Laufsteg-Defilees, Werbekampagnen, den Titelbildern der "Vogue" oder "Sports Illustrated", mit ihrem unerschöpflichen Reservoir an Wunschbildern, aus denen die Popkultur besteht und denen das Auge (un)freiwillig ausgesetzt ist – ist all dies ein essentieller Bestandteil des Körpers in der Post-#MeToo-Ära. Weil die Auseinandersetzung vor allem in der Erziehung und im juristischen und wirtschaftlichen Bereich stattfindet – wie viele Mittel den Organisationen zur Verfügung stehen, die gegen Sexismus vor- gehen, und welche Hilfe die Opfer erhalten –, aber auch, wie in jeder Auseinandersetzung, auf dem Gebiet des Symbolischen. Da das, was in den Filmkulissen fabriziert wird, heute im medialen und digitalen Bewusstsein ankommt, ist die Möglichkeit, den fiktiven Repräsentationen einen Wert mit Symbolcharakter mitzugeben, von grundlegender Bedeutung, weil diese wiederum erlauben, das zu revidieren, was aus den Filmkulissen stammt. Ebenso verhält es sich, wenn das Lebensgefühl der Strasse in Laufsteg-Looks einfliesst und ihnen einen sozialen Kontext zuweist und diese Bilder vom Catwalk sich dann ihrerseits auf die Leute von der Strasse übertragen, ihre Fantasie anregen und wiederum ein Repertoire an Verhaltensweisen in Gang setzen. Körper und Geist erfinden sich selbst. Und sind dabei immer emanzipierter. Nicht nur emanzipiert vom Korsett oder den Trippelschritten, die ein langer, enger Rock diktiert, sondern weil eine Pluralität der Identitäten möglich ist – von rebellisch bis unauffällig –und ein Ich-Bewusstsein, das dem Empfinden mehr Wert beimisst als dem nach aussen projizierten Bild. Der Historiker Georges Vigarello hat einmal eine faszinierende Geschichte des "aufrechten Körpers" geschrieben, die erklärt, wie die Figur, eingeengt von einem Korsett oder gnadenloser, vorgeschriebener Leibesertüchtigung, sich hin zum Körper von heute entwickelte, geleitet von Kundalini-Yoga, seiner Selbstverwirklichung und der Art, wie er sich fühlt. Auch hier gibt es einen Blick und eine Energie, die langsam zu einer Umkehrung der Perspektive führen. Die Projektion von aussen nach innen verkehrt sich in die entgegengesetzte Richtung. 

In der Debatte, in der sich die hundert Unterzeichnerinnen des offenen Briefs in "Le Monde" und die Schar ihrer entschiedenen Gegnerinnen gegenüberstanden, ging es um die Freiheit, zu belästigen, und die Freiheit, nicht belästigt zu werden. Das Schreckgespenst des Puritanismus wurde ins Feld geführt, die Drohung, dass Vorschriften und Verträge das Spiel der Verführung und Galanterie erschweren würden. Das Spiel als grundlegender Bestandteil der Beziehung, nicht nur der Liebesbeziehung übrigens, eröffnet die Möglichkeit, in einem absolut sicheren Bereich zu agieren, der gleichberechtigt, aber nicht notwendigerweise symmetrisch ist. Ebenfalls nicht zu leugnen ist ein Zusammenhang zwischen dem Bereich des Begehrens und allem Impliziten, Riskanten, Unerwarteten und Spannenden, das es auslöst. Aber die Codes, gemäss derer diese Erotisierung der Beziehungen sich (so einfallsreich wie nur irgend möglich) abspielt und sublimiert, setzen voraus, dass die beteiligten Parteien dem gleichen Code gehorchen und in der Lage sind, damit zu spielen oder mit diesem Spiel aufzu- hören, wenn ihnen der Sinn danach steht. Was, leider, leider, ein seltenes Privileg ist. Keinen Nutzen davon haben diejenigen, die in den Strassen von Kairo, Delhi, Mossul, Zürich oder Paris dem Joch der männlichen Gewalt unterworfen sind, die sich auch bei Weitem nicht nur an Frauen entlädt. Diejenigen, die wie Catherine Deneuve Anspruch auf ihr Recht erheben, belästigt zu werden, befinden sich nicht in der Position des Objekts. Sie spielen allerhöchstens die Rolle des Objekts: Sie sind aktive Teilnehmerinnen in einem frivolen Wettkampf, weil sie der Überzeugung sind, dass sie die Grenzen vorgeben und kehrtmachen können, wenn sie genug haben. Und dieses Szenario als Beispiel dafür zu nehmen, wie die Beziehung von Männern und Frauen auszulegen ist, leugnet die Gewalt, die Frauen tagtäglich angetan wird, und vergisst den historischen Kontext, in dem sich die Debatte abspielt – nach Jahrhunderten der Ungleichheit. 

Weil die Frau für sich beansprucht, über ihren Körper und ihre Umwelt zu bestimmen, und weil es zwischen der Heiligen und der Hure Platz für unendlich viele Spielarten des Weiblichen gibt.

In welcher Hinsicht spielen Victoria Beckham und Victoria’s Secret hier eine Rolle? Weil sie einen Raum für die Darstellung des weiblichen Körpers zur Verfügung stellen, der sich hier und jetzt mit dieser und auch vielen anderen Herausforderungen auseinandersetzen muss. Sie zeigen in symbolischer Weise die Lage der Frau in all ihren didaktischen, fantasiegeleiteten und avantgardistischen Aspekten. Sie geben die Schrittlänge vor, mit der die Frau durch die Gegenwart und über die Place de la Concorde schreitet. Dass sich Gucci als engagiertes Label positioniert, indem es 500 000 Dollar für die Schüler-Demonstration gegen Feuerwaffen spendet, die nach dem Amoklauf vom 14. Februar 2018 mit 17 Toten an der Parkland Highschool stattfand, dass Miu Miu in der Frühjahr/Sommer-Kampagne fahnenschwingende Plus-Size-Modelle neben die "normalen" stellt, das kann man bestenfalls für belanglos, schlimmstenfalls für opportunistisch halten. Sicher ist es etwas von beidem, und dennoch ist diese Bewegung unverzichtbar. Weil die Mode einen Raum für das Spiel und die Verführung eröffnet, in dem die Frau nicht mehr nur ein verfügbares Objekt ist, von dem erwartet wird, dass es am Ende seine Zustimmung gibt, sondern ein Subjekt mit der Freiheit, anzubieten, zu bestimmen, zurückzuweisen und am grösseren Weltgeschehen teilzunehmen. Weil die Frau für sich beansprucht, über ihren Körper und ihre Umwelt zu bestimmen, und weil es zwischen der Heiligen und der Hure Platz für unendlich viele Spielarten des Weiblichen gibt – darunter die Jägerin, Sammlerin oder Spielerin, aber niemals unter Zwang. Natürlich sind diese Bilder für die Mehrheit noch in weiter Ferne, und deswegen haben die Modedesigner die Pflicht, sich der Symbolkraft dieser Repräsentationen bewusst zu werden. Die Frau Victoria Beckham weiss, dass sie einen Strumpfhalter unter ihrem Kuttenkleid aus Wollstoff tragen kann, wenn ihr der Sinn danach steht. Aber weiss die Frau von Victoria’s Secret, dass sie eingehüllt in ihren Oversize-Wollmantel immer noch ein Spiel spielen kann und dass die Enthüllung dadurch umso reizvoller ist? Sie sollte es langsam lernen. Die Korsetts, die unter diesem Label verkauft werden, sind eher symbolhaft als real, zwängen Körper und Geist in einen trostlosen Käfig und erschweren den Fortschritt der feministischen Bewegung. Victoria Beckham – Victoria’s Secret: 1 – 0 

 

Image Credits:
Illustration - Anna Haas

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