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Gia Coppola: «Der Gedanke, dreissig zu werden, machte mir Angst» 

von Karen Rouach, Mexico
24.05.2017
Nach Hongkong und Beijing macht Gucci nun Station in Taipeh für eine Fotoausstellung in Zusammenarbeit mit A Magazine Curated By Alessandro Michele, unter anderem mit einer Fotoserie von Gia Coppola. Wir haben sie getroffen.
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Eine solche Ausstellung ist einen Umweg wert. Die Wände im ersten Saal zeigen die Berge von Civita di Bagnoregio in Italien, einer der Lieblingsgegenden von Alessandro Michele. Dan Thawley versetzt die Besucher in ein Kuriositätenkabinett, das er um das Thema «Blind For Love», einem wichtigen Motiv bei Gucci, zusammengestellt hat. Kostbare Objekte, zu sehen auch in der neuen Ausgabe von A Magazine Curated By, ziehen die Betrachter unaufhaltsam in ihren Bann, etwa ein seltsamer Kuchen mit Ameisen, eine Karte aus dem 17. Jahrhundert, originaler venezianischer Stoff von Fortuny sowie gestickte Reliquien. Der zweite Saal mit dem Titel «Dream Within a Dream» entführt in den Joshua-Tree-Nationalpark in Kalifornien. Gia Coppola darf sich hier ganz entfalten und zeigt eine zuvor unveröffentlichte Serie, inspiriert von Peter Weirs Film «Picknick am Valentinstag» (1975). So setzt sie hier ihre Freundinnen Lily Stewart, Chuckie Grant, Augie Culligan und Laura Love in Szene. Hinzu kommt die junge Schauspielerin und Aktivistin Rowan Blanchard, die diese Fotos mit gestickten Gedichten und einem Soundtrack begleitet. Im dritten Raum schliesslich, einem Kinosaal, läuft ein Video in Dauerschleife, das die Zuschauer buchstäblich in das Universum und die Inspirationen von Alessandro Michele eintauchen lässt. Fotos, Landschaften, Gemälde und Texte lassen eine unerwartete audiovisuelle Erfahrung entstehen, für die man mit beiden Füssen auf dem Boden stehen muss.

 

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L'Officiel Paris: Dies ist nicht Ihre erste Zusammenarbeit mit Gucci. Wie hat das alles begonnen?

Gia Coppola: Alessandro Michele hat mich im letzten Jahr zur Cruise Collection von Gucci in New York eingeladen. Seither ist es für meine Mutter und mich normal, ihn einzuladen, wenn er gerade in Los Angeles ist. Als er zum ersten Mal zum Abendessen kam, war alles ganz entspannt. Meine Familie und ich lernten ihn so kennen. Jetzt ist er ein Freund, und für ihn ist es in jedem Fall schöner, selbst gekochtes Essen zu bekommen!

Was gefällt Ihnen an Micheles Universum am besten?

Ich glaube, ihm fehlt es nie an Inspiration, er kann sich selbst neu erfinden. Jedes Mal, wenn ich seine Arbeit sehe, bin ich verblüfft, ich frage mich, wo er das nur hernimmt. Alles, was er macht, ist überraschend und unerwartet.

Sie kommen aus der Welt des Films – wie fühlen Sie sich in der Modewelt?

Gucci ist für mich so cineastisch, dass ich mich sehr wohl dort fühle. Das empfinde ich bei keinem anderen Modehaus so. Da ist etwas Mystisches an den Kleidern und in der Welt von Gucci überhaupt, dadurch fügt es sich perfekt in diesen fantastischen Traum.

Was möchten Sie über die Fotos, die Sie hier in Taipeh ausstellen, zum Ausdruck bringen?

Das Thema der Ausstellung war «Blind For Love», und anfangs wusste ich nicht, was das bedeuten sollte. Eines Abends, als ich Die Truman-Show anschaute, ist meine Mitbewohnerin ins Zimmer gekommen und hat gefragt, ob ich schon «Picknick am Valentinstag» von Peter Weir gesehen hätte. Sie hat mir empfohlen, ihn anzusehen. Ich war beeindruckt, wie unglaublich cool er war. Daraufhin habe ich über den Sinn dieses Ausdrucks «blind vor Liebe» nachgedacht. Wie sich die Sexualität einer Frau aus der Entdeckung des Selbst und ihres Körpers neu ergibt, aus dieser unsichtbaren Achse, an der sich diese ganze Verwandlung vollzieht und die absolut alles verbindet. Als ich Alessandro sagte, dass dieser Film mich nicht loslässt, erzählte er mir, dass es sein Lieblingsfilm sei und er sogar jede Saison ein Stück entwirft, dessen Design davon inspiriert ist. Doch die Kollektion, mit der wir gearbeitet haben, war so inspirierend, dass es sehr einfach war, jedem Look einen erzählenden Dialog an die Seite zu stellen.

Ist das Thema Familienbande etwas, mit dem Sie sich wohlfühlen?

Ja. Ich glaube, dass familiärer Zusammenhalt in vielen meiner Handlungen zum Ausdruck kommt, dadurch dass ich immer eine kleine Schwester wollte, bis hin zu meiner Freundschaft zu Rowan. Ich verspüre ein echtes Bedürfnis, mit den Menschen in meinem Umfeld ganz vieles zu teilen, und über Kunst, Gedichte oder Film zu sprechen. Dadurch bewahre ich mir einen offenen Blick für alles um mich her, bleibe im echten Leben verankert, kann mich für viele nichtige (oder wichtige) Dinge interessieren und vor allem Optimistin bleiben.

 

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Ihre Mutter hat in der Fotoserie das Styling übernommen. Wie wichtig war es für Sie, mit ihr zusammenzuarbeiten?

Meine Mutter war Kostümbildnerin, also war es für mich selbstverständlich, denn sie hat mir auf dem Gebiet so viel beigebracht. Sie hat im Hinblick auf Kleider eine einzigartige und wirklich aufregende Herangehensweise. Ausserdem stehen wir uns sehr nah: Bei ihr brauche ich gar nichts zu sagen, sie weiss im Voraus, was ich denke. Und sie ist auch mit Alessandro eng befreundet – also ja, am Ende war dieses Projekt fast Familiensache!

Sie haben Rowan Blanchard gebeten, mit Ihnen an diesem Projekt zu arbeiten. Wieso sie und nicht jemand anderen?

Ich habe sie an einer Party getroffen und wir haben sofort eine Verbundenheit gespürt. Ich stimme in vielem mit ihr überein, da wir viele Interessen teilen und unsere Art zu Denken die gleiche ist. Für mich war es wichtig, sie an diesem Projekt zu beteiligen. Sie hat sehr dazu beigetragen, mich zu der zu machen, die ich heute bin, und hilft mir weiterhin, ein besserer Mensch zu werden. Meine Faszination für sie beruht auch darauf, dass wir praktisch zusammen «gross» geworden sind. Zuzusehen, wie wir zu Frauen heranwachsen, mit einem eigenen Denkprozess, der sich vom männlichen sehr unterscheidet, das war eine einzigartige Erfahrung. Ich teile gern gewisse Vertraulichkeiten mit einer anderen Frau. Wenn ich mit jemandem über meine Gefühle und meine Sicht der Dinge spreche, der meine Meinungen teilt, habe ich das Gefühl, dass ich im Trubel der heutigen Welt weniger alleine bin.

Was für ein Mädchen waren Sie in Rowans Alter?

Es war verrückt, Rowan mit 15 zu sehen, ihre wache Intelligenz und ihre für ihr Alter so grosse Offenheit im Denken. Ich hatte wirklich den Eindruck, dass ich im Vergleich dazu in ihrem Alter ein Kind ohne Talent war. Ich habe gern gelesen und neue coole Bands entdeckt, aber ich war ziemlich aufsässig. Sie ist viel verantwortungsbewusster als ich in dem Alter.

Wie wichtig waren Rowans Gedichte als Begleitung zu den Fotos?

Sie sind ein wesentlicher Teil, denn wenn ein Foto eine Geschichte erzählen soll, darf der Diskurs nicht zu wörtlich, linear oder dem Augenblick verhaftet sein. Die Gedichte fügen der Installation eine Art inneren Erzähler hinzu, der für Zusammenhang und Tiefe sorgt.

Was ist Ihre allererste Erinnerung an das Kino?

Ich erinnere mich, dass ich auf meine Familie sehr neidisch war: Meine Tante, mein Onkel und mein Vater reisten mit ihrem Vater um die Welt, als sie Kinder waren. Aber als ich an die Highschool kam, drehte mein Grossvater praktisch keine Filme mehr. Meine früheste Erinnerung war der Film «Dracula», der mich am meisten beeindruckt und erschreckt hat.

Arbeiten Sie an einem neuen Film?

Ja, ich habe einige Projekte, aber sie nehmen viel Zeit in Anspruch, und ich lasse mir vor allem gerne Zeit. Ab und zu pausiere ich diese Projekte und beschäftige mich dann mit Fotografie, die ebenfalls eine grosse kreative Freiheit erlaubt.

Wenn man Sie in Los Angeles sucht, wo findet man Sie dann?

Ich bin oft zu Hause, ich gehe nicht besonders viel aus. Es gibt ein Restaurant, in das ich gern gehe, ein alter Hollywood-Hotspot, aber das ist eigentlich bei mir um die Ecke. Ansonsten gehe ich viel ins Theater.

Wie ist es, im Jahr 2017 dreissig zu sein und in Los Angeles zu leben?

Der Gedanke, dreissig zu werden, machte mir eine Heidenangst, aber mein Geburtstag selbst war eine riesige Erleichterung – die ganzen Dinge, die mir unüberwindbar vorkamen, waren auf einmal gar kein Problem mehr.

 

 

 

 

 

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Übersetzung Franziska Dengler
Bilder
mit freundlicher Genehmigung Gucci

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