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Peggy Guggenheim, die Sammlerin

Gut beratene Kunstliebhaberin, Sammlerin von Männern und Skandalen, gescheiterte Muse, liebenswerte Exzentrikerin auf Gondelfahrt: Peggy Guggenheim war all das und mehr, ihr Geist voll Widersprüche und geprägt von der Moderne.
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Peggy Guggenheim vor ihrem Palazzo in Venedig, 1968.

Amüsierte man sich an Peggy Guggenheims Partys? Alle wollten dabei sein. Und doch kommen in den Werken der zahlreichen Romanciers, den Memoiren der unzähligen Künstler, den Erzählungen der vielen Schnorrer, die es schafften, eingeladen zu werden, kaum frohe Erinnerungen zum Vorschein. Vielmehr ist die Rede von Nervenzusammenbrüchen, peinlichen Stripteases und Abenden, die ungut ausklangen, im Bordell oder auf dem Polizeiposten. In New York mussten die Kandinskys während einer epischen Rauferei sogar vor herumspritzendem Blut geschützt werden. Und sie selbst, amüsierte sie sich an ihren Partys? Das ist nur eines der Geheimnisse dieser Person, der die Amerikanerin Francine Prose in ihrem Buch «Peggy Gug- genheim. The Shock of the Modern» jetzt eine spannende und äusserst reichhaltige Hommage widmet. Auf dem Cover trägt Peggy ihre berühmte Schmetterlingsbrille, das typische Accessoire dieser in der modernen Kunst inzwischen zum Mythos gewordenen Figur, dieser Popikone, die heute auf Postkarten im Shop ihres Museums am Canal Grande in Venedig zu finden ist. «Gescheiterte Muse», skandalöse Nymphomanin, opportunistische Mäzenin: Ihre Sammlung mag beeindruckend sein, doch die Biografen haben kein gutes Haar an der Frau gelassen. 

 

Wilde Nächte in Paris
Schuld an ihrer wüsten Fama ist zunächst einmal Peggy selbst. Als 1946 die erste Version ihrer Memoiren erscheint, lässt ihre Familie alle in Manhattan erhältlichen Exemplare aufkaufen, um einem Skandal zu entgehen. Peggy leitet zu der Zeit die angesehene Kunstgalerie Art of This Century, wo sie unter anderem Jackson Pollock, Giorgio De Chirico und Mark Rothko vertritt sowie – «für die damalige Zeit ganz ungewöhnlich», wie Francine Prose anmerkt – zahlreiche Künstlerinnen, darunter Frida Kahlo, Louise Bourgeois und Leonora Carrington. Diese Namen klingen heutzutage wie die Wunschliste eines Museums, doch damals rochen sie kräftig nach Skandal.

 

Durch die Veröffentlichung ihrer Biografie trägt Peggy nicht eben dazu bei, die Wogen zu glätten. Sie ist vorne auf dem Buch abgebildet, schön und elegant, wie sie in einem Kleid von Paul Poiret vor der Linse von Man Ray posiert, auf dem Kopf einen Turban, den eine «russische Freundin von Strawinsky» konfektioniert hat. Doch weit davon entfernt, ihrer Autobiografie einen schicken Anstrich zu geben, breitet Peggy ihr ausschweifendes Sexleben aus, ihre wilden Nächte in der Pariser Bohème der Zwanziger, ihre Abende im Bordell, ihre katastrophalen Ehen, die jüdische Familie, geschlagen mit Selbstmordgefährdeten und Geisteskranken aller Art, das relative Desinteresse an ihren Kindern, das sinnlos ausgegebene Geld und andere schockierende Tatsachen. In diesem «informellen und scheinbar improvisierten Stil», wie Francine Prose es nennt, kann Peggy alles erzählen. Es war ihre persönliche Art, die Lektionen des Surrealismus umzusetzen. 

 

Vermischung der Rollen
Marguerite Guggenheim, später Peggy genannt, kam 1898 in New York als Sprössling einer superreichen Familie zur Welt. Ihre Kindheit sei «ein Martyrium» gewesen, sagt sie. Da sie das Stadthaus am Central Park nicht verlassen oder in die Schule gehen darf, beschränkt sich ihr gesellschaftliches Leben auf die Partys, die ihre Mutter mit «den langweiligsten Vertreterinnen des wohlanständigen jüdischen Bürgertums» abhält. Daraus entsteht bei ihr, so Francine Prose, ein wahrer «Horror vor der Langeweile». Sie ist 14, als ihr Vater beim Untergang der Titanic ums Leben kommt, seine Geschäfte ungeordnet hinterlässt und weit weniger Vermögen, als ihre Mutter erwartet hatte. Über diese schreibt Peggy mit schneidender Nüchternheit: «Ich habe keinerlei Erinnerung an meine Mutter während jener Zeit.»

 

Ihre Schwestern hingegen spielen eine herausragende Rolle in ihrem Leben. Für die ältere, Benita, fasst Peggy eine Art Leidenschaft, gegenüber der jüngeren, Hazel, eine grenzenlose Eifersucht. Beide seien hübscher als sie selbst, versäumt Peggy nicht zu betonen. Schwester, Tochter, Freundin, Geliebte, Rivalin, Doppelgängerin: Auffällig an ihren Memoiren ist, wie die weiblichen Rollen verschwimmen. Sie schläft gern mit den Ehemännern ihrer Freundinnen, sie fühle sich «sehr angezogen» von der Hebamme, die zur Geburt ihrer Tochter kommt, und drängt so manchen verheirateten Mann in die Arme einer anderen Frau. Als ihre eigene Tochter 1967 stirbt, spricht sie von ihr wie von einer Schwester. Als sie 1927 hört, dass ihre Schwester Benita während der Wehen gestorben sei, schreibt sie: «Ich fühlte mich wie der Mann, der, von einem Schwert zweigeteilt, seinem Mörder zulächelt, bevor er zusammenbricht ...» In ihrer Rolle als Erbin ihres Vaters, dann ihrer Schwester, den beiden geliebten Menschen, wird Peggys Verhältnis zum Geld sichtbar: «Ich habe bedeutende Summen geerbt, doch ich ertrug den Gedanken nicht, das Geld meiner Schwester auszugeben. Also verteilte ich es, ohne nachzuzählen.»

 

Was ihre Memoiren so amüsant zu lesen macht, ist die Tatsache, dass Peggy sich nie selbst kommentiert. Sie ist eine Frau der Tat. Mit 21 erhält sie ihr Erbe und unternimmt sofort eine Reise durch die Vereinigten Staaten. Bevor sie nach Paris geht, in jener Zeit der Place to be, leistet sie sich eine Nasenoperation – die schlimm schiefgeht. Für Geld ist nicht alles zu kaufen, doch diese Lektion ist grausam. Wegen der missglückten Nase können die Männer eindeutig nicht so tun, als würden sie Peggy schön finden. «Alle meine Freunde waren bereit, mich zu heiraten, keiner, mich zu vergewaltigen», schreibt sie flüchtig. «Damals hatte ich eine ansehnliche Sammlung an Fotografien der Fresken in Pompei. Darauf waren Menschen zu sehen, die in allen möglichen Positionen Liebe machten. Das interessierte mich brennend, und ich bekam Lust, all das auszuprobieren. Auf einmal bildete ich mir ein, dass Laurence genau der Richtige dafür wäre.» So spricht sie von ihrem ersten Mann, Laurence Vail, einem Künstler der Pariser Bohème, den sie buchstäblich zwingt, sie zu heiraten. Durch seine Vermittlung trifft sich Peggy immer öfter mit Mina Loy, Louis Aragon, James Joyce und Man Ray mit «seiner Freundin Kiki, so erstaunlich wie geschminkt».

Peggy mit der britischen Schriftstellerin Mina Loy in Paris.

Das Paar hat bald zwei Kinder, bereist den Orient und Europa und hält nach jeder Rückkehr fantastische Soireen in einer Suite des Hotels Lutetia, später in einem Appartement am Boulevard Saint-Germain. Das ist der Anfang einer Sammlung von Geliebten, hauptsächlich Männern, sowie einiger Prostituierter, mit denen Peggy wohl aus Lust am Schockeffekt prahlt. Samuel Beckett, Marcel Duchamp, Yves Tanguy, Max Ernst, zahllose Gärtner, One-Night-Stands und Zweitbesetzungen: Am Ende kann Francine Prose nur anmerken, dass Peggy nie mit Pollock geschlafen hat. 

 

Täglich ein Gemälde
Der Sammlerinstinkt, sei er nun sexueller oder künstlerischer Natur, gilt bei den Männern oft als Tugend und bei den Frauen als Laster. Peggy, schuldig des einen wie des anderen, wird Ziel aller möglichen Psychoanalysen sowie des Vorwurfs, sie habe nie etwas erreicht, es sei denn unter männlichem Einfluss. Peggy selbst erkennt an, dass Duchamp ihr alles beigebracht hat – einen besseren Lehr- meister hätte sie kaum finden können. Er ist ihr Berater, als sie 1938 in London ihre erste Galerie eröffnet, nachdem sie sich von ihrem ersten Gatten befreit hat und nicht weiss, wohin mit ihrer überbordenden Energie. «Ich richte die Galerie her, und ich vögle», schreibt sie einer Freundin. Mit einem trotzigen Augenzwinkern an ihren respektablen New Yorker Onkel Solomon nennt sie die Galerie «Guggenheim Jeune» und widmet die erste Ausstellung Constantin Brancusi, gefolgt von Jean Arp, Alexander Calder, Jean Cocteau, Wassily Kandinsky und Tanguy. Der Erfolg stellt sich ein, scheint aber nicht zu genügen. Peggy hat es nie lange an einem Ort gehalten.

 

Zurück in Paris stürzt sie sich daher in ein neues Projekt: täglich ein Gemälde zu kaufen. In dieser Zeit legt sie den Grundstein zu ihrer märchenhaften Sammlung. Es droht Krieg, die Deutschen rücken vor, Peggy geht auf Shop- pingtour und finanziert grosszügig das Exil von Künstlern, die in Gefahr sind. Heldin oder Kriegsgewinnlerin? Francine Prose widmet sich dieser Frage in nuancierter Haltung. Ihr ganzes Leben lang war Peggy die Reichste in ihrem Freundeskreis, wohingegen sie ärmer war als der gesamte Rest ihrer Familie. Sie lebte von ihren Zinsen und durfte 20 000 Dollar jährlich nicht überschreiten. Sie finanzierte Künstler, hütete sich aber vor Schmarotzern, trank billigen Wein und kontrollierte jede Rechnung nach.

 

Ihr Geld diente ihr auch oftmals dazu, sich von den Männern zu entfremden. So war es mit Max Ernst: 1941 finanziert sie seine Auswanderung von Paris nach New York und liegt ihm so lange in den Ohren, bis er sie heiratet, obwohl offensichtlich ist, dass er sie nicht begehrt. Peggy ist es nicht gewohnt, nicht zu bekommen, was sie sich wünscht. In New York eröffnet sie ihre zweite Galerie, Art of This Century, und trägt zur Vernissage einen von Tanguy entworfenen Ohrring und einen von Calder. So wie sie die Pariser Avantgarde in London eingeführt hat, macht sie in den Vereinigten Staaten Paul Klee und Piet Mondrian bekannt, vor allem auch Pollock, von dem sie die damals umfangreichste Sammlung der Welt besitzt. Die Ehe mit Max Ernst hält nicht lange, doch die Galerie ist ein Erfolg. 

 

Der abmontierbare Penis
Warum also verlässt sie New York und geht nach Venedig? Obwohl ihr Palazzo heute das meistbesuchte Museum für moderne Kunst in Italien ist, zeugte ihre Entscheidung in dieser barocken Stadt damals von ausgesprochenem Mut. 1948 wird Peggy gebeten, den griechischen Pavillon an der Biennale von Venedig zu kuratieren, und ihre Ausstellung ist ein voller Erfolg. Im darauffolgenden Jahr erwirbt sie den Palazzo Venier, der namentlich der Marchesa Casati gehörte, der Muse und Mäzenin zahlreicher Künstler. Sie lässt die Fresken abtragen und gestaltet die Räumlichkeiten nach ihrem Geschmack, in einer Mischung aus afrikanischer und ozeanischer sowie moderner westlicher Kunst. Truman Capote, Pablo Casals oder auch Paul Bowles kommen gern zu Besuch. 

Empfang im venezianischen Palazzo von Peggy Guggenheim.

Das denkwürdigste Werk ist ohne Zweifel eine Reiterskulptur von Marino Marini aus dem Jahr 1948, deren abmontierbarer Penis Teil einer wendungsreichen Geschichte war. Sie lauerte maliziös auf die Reaktionen ihrer Besucher und fuchtelte manchmal während ihrer berühmten Abendgesellschaften damit herum. Eines Tages verschwindet das Teil, und Peggy schreibt aus lauter Verzweiflung ein Telegramm an den Künstler: «Uccello scomparso! Das Vögelchen ist ausgeflogen, es muss schnell ein neues gemacht werden.» Diesmal wird er angeschweisst, was den Gerüchten um einen weniger braven Verwendungszweck ein Ende setzt. Eine weitere, oft zitierte Anekdote ist der Besuch von William S. Burroughs im Palazzo. Als ihm bei seiner Ankunft mitgeteilt wird, ein Handkuss sei unerlässlich, soll er geantwortet haben: «Ich küsse ihr gern die Muschi, wenn das so üblich ist.» Und dann wurde er angeblich hinausgeworfen. Angesichts der Art, wie Peggy selbst von ihren Kapriolen erzählte, fällt es schwer, zu glauben, dass sie deswegen gekränkt war. Dem Beat-Poeten Gregory Corso zufolge hatten die Männer eher Schwierigkeiten, ihre Avancen zurückzuweisen. Francine Prose zitiert einen schönen Brief aus dem Jahr 1958 von Burroughs an Allen Ginsberg, in dem er von seiner Begegnung mit der «dogaressa» erzählt: «Wir haben wieder und wieder über Sex gesprochen, aber ich weiss nicht so recht, was ich damit soll.» Sie ist 60, er 23. In demselben Brief scheint das Bild einer anderen Peggy durch, die schrecklich einsam ist, wenn ihre Gäste gehen: «In Wahrheit ist sie genial und traurig und braucht wirklich Freunde.» Peggy spricht wieder über Sex mit ihm, dann nimmt sie ihn mit in den Garten zum Grab ihrer Hunde und begleitet ihn dann zurück. Das Boot entfernt sich: «Ich sah, wie sie die Hand an den Kopf legte, so als würde sie leiden. An dieser Geste habe ich plötzlich die Verzweiflung dieser Frau erkannt. Sie ist eine Lebenskünstlerin, und das Leben entgeht ihr. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen. Es entgeht ihr», erzählt Corso. 

 

Venedig geht unter
In gewissem Sinne ist Peggy in Venedig gescheitert, denn sie hat keine Avantgarde eingeführt wie in London oder New York. Sie hat sich niedergelassen, zum ersten und letzten Mal in ihrem Leben. Ihre mit nahezu 80 Jahren fertiggestellte Autobiografie wird ab da langweilig. Das ist ihr bewusst, und sie notiert ironisch: «Es scheint, als hätte ich den ersten Text als freie Frau ohne Komplexe geschrieben und den zweiten als eine Dame, die versucht, sich ihren Platz in der modernen Kunstgeschichte zu sichern.»

 

Sie kehrt erst 1959 wieder nach New York zurück, zur Einweihung des Solomon-R.-Guggenheim-Museums, dessen «Parkhaus»-Architektur ihr zuwider ist. Vor allem ist sie verblüfft, welche Preise die moderne Kunst inzwischen erzielt. Schliesslich bezahlte sie selbst Pollock früher 150 Dollar pro Monat. Man schätzt, dass der Erwerb ihrer auf mehrere Milliarden Dollar bewerteten Sammlung sie seinerzeit um die 20 000 Dollar gekostet hat. In Venedig ist Peggy für An- und Verkauf ihrer Sammlung zuständig, doch sie erwirbt keine grossen Werke mehr. Bis zu ihrem Tod unternimmt sie hingegen täglich eine zweistündige Gondelfahrt. Ein seltsames Bild, diese Frau, die allein auf dem Wasser unterwegs ist, obwohl doch ihr Vater beim Untergang der Titanic ertrank.

 

Mit ihrem Tod 1979 ist Peggys Geschichte noch nicht ganz abgeschlossen. Ihre Nachfahren haben einen grossen Prozess gegen die Guggenheim Foundation angestrengt und beschuldigen diese, das Andenken an Peggy zu verletzen, indem sie ihren Palazzo für private Feste vermietet. Leute trampeln über ihr Grab und das ihrer Hunde, Kunstwerke werden umgestellt. Die Guggenheim Foundation sei zu einem vulgären Nachtclub der Kunstszene verkommen. Amüsiert man sich an Peggys Festen noch immer?

Peggy Guggenheim und zwei ihrer Hunde in der Eingangshalle des Palazzo Venier. An der Wand ein Gemälde von Picasso, im Hintergrund Skulpturen von Giacometti und Pevsner, an der Decke ein Mobile von Calder.

«Peggy Guggenheim. The Shock of the Modern. Jewish Lives», von FRANCINE PROSE, (Hg. Yale University Press, 2015). «Ich habe alles gelebt» von PEGGY GUGGENHEIM (Hg. Bastei Lübbe, 1998). 

 

 

 

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