Ganz unter uns, Indira
Woman

Ganz unter uns, Indira

In der Mode wie in ihrer Karriere entscheidet sich die Schauspielerin, die auf Netflix in Serien wie «Game of Thrones» oder «Rome» brilliert, am liebsten gleich für das Essenzielle. Pur ist chic.
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Baumwollhemd und Hose aus Wolle, BOSS.

Indira Varma aus «Game of Thrones» traf sich mit L’OFFICIEL SCHWEIZ zu einem Gespräch über ihre Schauspielkarriere, ihre Bande mit der Schweiz und die Welle des Feminismus, die zurzeit die Landschaft der Filmindustrie verändert.
 

L'OFFICIEL Schweiz: Sie sind zur Hälfte Schweizerin. Kommen Sie oft in die Schweiz?
Indira Varma: Tatsächlich lebt meine halbe Familie in der Schweiz, und als Kind habe ich immer Weihnachten und den Sommer in der Romandie verbracht. Eine Cousine meiner Mutter ist Schauspiellehrerin in Genf, und ihre Tochter und ich spiel- ten immer Improvisationstheater und erfanden unsere eigenen Stücke – was alle Kinder eben so machen. Meine Mutter fand immer diese seltsamen kleinen Chalets mitten im Nirgendwo mit so altmodischen, quasi in die Wand eingebauten Holzbetten mit Vorhang, die haben wir dann als Bühne benutzt. Ich habe ganz lebhafte Erinnerungen aus dem Schulalter, wie total verrückt ich war.
 

Sind Sie so zur Schauspielerei gekommen?
Damals in der Schule habe ich das einfach gemacht. Ich habe immer im Schultheater mitgespielt und bin dann auf die Schauspielschule, die RADA, gegangen. Doch davor wusste ich eigentlich nicht, dass es ein Beruf ist. Mir war nicht klar, dass das eine echte Option war. Darum kann ich gar nicht glauben, dass ich tatsächlich Geld mit meinem Hobby verdiene.
 

Heute kennt man Sie für Ihre Arbeit im Fernsehen, in Filmen und am Theater. Wie unterscheidet sich Ihre Arbeit für TV-Produktionen vom Film?
Also, zunächst habe ich Filme gemacht. Film ist das Glamourösere von beiden, nicht? Aber heute ist das Fernsehen anders und, wie ich finde, dem Film ebenbürtig. Es gibt Filmemacher, die fürs Fernsehen drehen, also besteht da kein grosser Unterschied. Das ist wirklich toll. Ich wünschte, unsere unabhängige Filmindustrie wäre stärker und besser finanziert, dann würde ich gern mehr Filme machen. Vor Kurzem habe ich «Official Secrets» gedreht, einen wirklich interessanten Film, der auf der Story von Katherine Gunn basiert, die im Irak-Krieg eine Whistleblowerin war. Das ist wirklich aufregend und politisch, was ja immer spannend ist. 

Seidenhemd und Ohrring, CHANEL.
Hemd aus Wildleder-Mix, SALVATORE FERRAGAMO.

Momentan stehen Sie auf der Bühne. Erzählen Sie mir doch etwas mehr darüber.
Das Stück heisst «Exit the King» und ist ein von Patrick Marber adaptiertes Drama von Eugène Ionesco. Und Ionesco wurde eigenartigerweise am National Theatre noch nie gespielt. Er schrieb absurdes Theater, also gibt es da oft keine offensichtliche Logik. Es geht um einen König, dem zu Beginn des Stücks gesagt wird, dass er am Ende tot sein werde. Es ist eine Abhandlung über die Sterblichkeit, aber in Komödienform – also absolut schräg, aber auch irgendwie genial. Rhys Ifans spielt den König, und er ist wunderbar. Das Stück ist sehr bewegend, hauptsächlich aber lustig, und das ist wichtig. Ich habe vor einigen Jahren zusammen mit David Hare an seinem Stück «The Vertical Hour» gearbeitet, und er sagte, das Entscheidende sei, das Publikum zum Lachen zu bringen und dann eine Weisheit einzuschmuggeln, dann hörten die Leute eher zu. Die Zuschauer öffnen sich, wenn sie lachen, und wenn man ihnen dann etwas Ernstes sagt, hat es eine grössere Wirkung auf sie.
 

Sie arbeiten bereits eine Weile in der britischen Unterhaltungsindustrie. Hatte #MeToo und Time’s Up in Grossbritannien die gleiche Wirkung wie in den Staaten?
Also, ich glaube, die Diskussion ist offener geworden. Jetzt haben wir eine Diskussion, die früher hinter vorgehaltener Hand geführt wurde. Da wurde im Hintergrund geflüstert, und die Frauen waren zornig, dass man ihnen nicht zuhörte. Und ich glaube, jetzt sagen die Leute: «Oh, das müssen wir uns anhören.» Ein anderes Problem, das sich durch diese Bewegungen meiner Meinung nach etwas gebessert hat, ist das der Rassendiskriminierung. Da ich selbst gemischtrassig bin, bin ich irgendwie während meiner ganzen Karriere mit dem Kopf an diese gläserne Decke gestossen. Doch das ändert sich ebenfalls. Zu Beginn meiner Karriere wollte mich niemand vorsprechen lassen, ausser die Rollen waren ausdrücklich für Asiatinnen. Bis dahin hatte ich mich selbst eigentlich nicht als asiatische Schauspielerin betrachtet. Ich fühlte mich wie eine Weltbürgerin, mit dem Vorzug, dass ich Erfahrungen aus drei verschiedenen Ländern mitbrachte. Doch dann reduzierten mich andere Leute plötzlich auf die Asiatin. Und das ist irgendwie ... wow, das ist eine derartige Reduzierung dessen, was ich bin. Die USA sind in dieser Hinsicht weiter, viele Leute aus ethnischen Minderheiten sind in die Staaten gegangen, weil es da mehr Chancen gibt. 

Karojacke aus Wolle, STELLA MCCARTNEY. Langer Perlohrring «Infernal Storm», ALIGHIERI.
«Ich glaube, dass Frauen heutzutage eher eine öffentliche Plattform haben. Meiner Meinung nach vielleicht deswegen, weil mehr von uns weiter oben in der Nahrungskette eine Machtposition innehaben, aber gerade noch nicht genug und sicher noch nicht 50/50.»

Ich möchte gern noch einmal auf «Game of Thrones» zurückkommen. Ellaria, Ihre Figur, ist doch technisch gesehen nicht tot, oder?
Die Frage darf ich ehrlich nicht beantworten. Sorry.
 

Glauben Sie, diese TV-Epen haben letztendlich in der Unterhaltungsindustrie etwas Positives im Hinblick darauf bewirkt, wie Frauen dargestellt werden?
Oh Gott, ganz bestimmt! Es gibt so viele amerikanische Fernsehserien mit Frauenfiguren, die nicht nur Mädchen um die zwanzig oder dreissig sind. Das sind Frauen um die vierzig oder fünfzig. Wir tragen die Erzählstrukturen sehr beliebter TV-Sendungen. Jetzt mehr denn je zuvor.
 

Ist es im Film genauso? Oder liegt dort noch ein weiter Weg vor uns?
Ich denke, sie versuchen es zumindest. Schauen Sie sich «Black Panther» an. Der Film war ein Novum im Hinblick auf die Diversität, ein grosser Mainstream-Film mit einem riesigen Schauspielerteam aus ethnischen Minderheiten in den Hauptrollen. Ein Cast mit schwarzen Hauptdarstellern, das ist wirklich aufregend. Man wird schon wütend, wenn man sich selbst den Gedanken erlaubt: «Oh ja, super, time’s up.» Das hören die Leute überall in der Presse, und dann geht man zur U-Bahn-Haltestelle, und auf jedem Poster sind drei Männer mit einer Frau, vier Männer mit einer Frau und eine schwarze Person. Und das Mädchen ist nur leicht bekleidet, Sie wissen schon – ich finde, das ist ein Ärgernis. Oft geht es darum, wie die Frau aussieht, und sie muss jung und schön sein. Also ist noch nicht alles gut.
 

Welcher Moment in Ihrer Karriere war besonders erinnerungswürdig?
Alles ist erinnerungswürdig, auf viele verschiedene Weisen. Mein erster Job etwa ist mir im Gedächtnis geblieben, weil ich vier Monate in Indien verbracht habe, um klassischen indischen Tanz zu lernen. Es war meine erste Rolle in einem Film, mein erster professioneller Job. Natürlich war das eine überwältigende Erfahrung. Doch dann hatte ich auch einige Male die Chance, mit Harold Pinter zu arbeiten, und das war einfach grossartig. Es hat wirklich so viele unglaubliche Rollen gegeben.
 

EXIT THE KING ist bis zum 6. Oktober im NATIONAL THEATRE in London zu sehen. 

Hemd und Rock aus Wildleder-Leder-Mix, SALVATORE FERRAGAMO.
Baumwollhemd und Hose aus Wolle, Jil Sander. Langer Perlohrring «Infernal Storm», Alighieri.

Fotografie
NICK THOMPSON
Styling
LORNA MCGEE
Art Director
JAMES FINLAYSON
Haare
BEN TALBOT
Make-up
CAROLYN GALLYER
Stylingassistenz
CAITLIN JONES

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